Mein erstes eSports Turnier - Ein Reisetagebuch (Tag 2)

Wir waren zu Besuch bei der Championship Gaming Series vom 16. bis 18. Mai 2008 in Birmingham - ein kleines Reisetagebuch in drei Teilen schildert unsere Eindrücke vom Tunier. Von Rudolf Inderst Eingestellt: 24.05.2008 13:13

Wir waren zu Besuch bei der Championship Gaming Series vom 16. bis 18. Mai 2008 in Birmingham - ein kleines Reisetagebuch in drei Teilen schildert unsere Eindrücke vom Tunier.

Tag 2: Samstag, 17.Mai 2008

10 Uhr war uns als Startpunkt für Samstag genannt worden. Also machten wir uns (schließlich nächtigen die bereits genannten Kollegen auch in meinem Hotel) nach einem deftig-englischen Frühstück auf den Weg. Kühle Morgenluft, mein erster Eindruck. Ankunft im Omega Sektor – es ist wesentlich voller, die Securitymannschaft ist erkennbar nervöser als gestern. Angeblich ist der Geräteschwund ein massives Problem. Ich nicke freundlich und lasse meine Tasche doppelt und dreifach überprüfen, leeren und untersuchen. Sauber. Ab in den Pressebereich – schon jetzt ist es unheimlich heiß.

Zahllose Spieler und Zuschauer drängen sich dicht gepackt aneinander um Monitore und beobachten. Sie beobachten das Spielgeschehen, sie beobachten ihre Teamkameraden, sie beobachten ihre potentiellen Gegner. Sie warten. Auf ihren Einsatz. Zeit für ein paar Fotos. Dann: Auftritt Rudolf Fischer aka Tactical; passionierter "Dead or Alive 4"-Spieler und … Raucher. Schwarzes Cap und Kapuzenpulli. Ich melde meine Interviewwünsche an, überbringe Grüsse aus der Heimat und lasse dem guten Mann dann seine Ruhe. Wenig später sammeln sich alle Spieler im ersten Stock zur großen Turnieranspache. Hier die große Überraschung: Allen Medienvertretern wird deutlich gemacht, dass sie bei diesem private chat nichts zu suchen haben. Interessant. Ein Pressekollege erläutert großzügig, es gehe darum, zu verhindern, dass Journalisten mitbekämen, wie kleinkinderlastig die Spieler seitens der CGS-Organisatoren behandelt würden. Durch die Wände hört man die Ansprache dennoch recht deutlich. Dem Kollegen ist wohl zuzustimmen. Dennoch: Immer wieder unterbrechen Applaus und Rufe der Zustimmung die Instruktionen. Brot und Spiele, Baby; Brot und Spiele. Die Spieler machen sich innerlich bereit. Bis zum eigentlichen Start kann es nun nicht mehr lange dauern. Hinter den Kulissen steigt die Anspannung ebenso – die IT-Beauftragten lassen ihre Finger rastlos und schnell über die Tasten ihrer Keyboards fliegen. Hier spürt man den Pioniergeist. Er hält die Organisatoren fest im Griff, sorgt für Schweiß, Ansätze von grauen Haaren und Falten auf den Gesichtern. Der Puls dieser armen Kreaturen, die im Halbdunkel um ihr Leben organisieren; sie werden nun auch noch von unzufriedenen Spielern heimgesucht.

Mich zieht es Richtung Frischluft – langsam kann die semitödliche Mischung aus Citronenreinigungsmittel und Schweiß nicht mehr ignoriert werden. Mit einer Cola in der Hand nehme ich nahe des Ausgangs Platz, treffe auf einen älteren Herrn, der entspannt ein Buch liest. Über eben jenes kommen wir ins Gespräch – wie sich heraus stellt, ist er der Großvater einer der lokalen Spieler. Er interessiert sich für eSports, weil sein Enkel und dessen Freunde so begeistert davon erzählen, meint er. Ihn begeistert die Möglichkeit, an historischen Orten Geschichte nachzuspielen. Was genau meint er wohl damit? Na, bei diesen Schießspielen, antwortet er. Was er von dem Killerspielvorwurf halte, möchte ich von ihm wissen. Davon habe er noch gar nichts mitbekommen. Sei das ein Thema in Deutschland? Gute Frage. Ist es das? Für wen? Immer dieselben Gemüter? Immer dieselben Medien?

Auf großen Bildschirmen laufen die Übertragungen aus dem letzten Jahr – auch 2007 hat also Triumph und Niederlage gesehen. Die Gesichter der Spieler sprechen eine deutliche Sprache. Sie hoffen, kämpfen verzweifelt und ihre Teamkameraden sind ein Spiegelbild dieser Emotionen. Schließlich legen die ersten Spieler los. Man kann sie lautstark Lob und Schelte austeilen hören – immer wieder brechen Begeisterungsstürme aus. Es geht international zu. Zwischen englischen Flüchen, ist deutlich schwedisch zu vernehmen. Niederländisch mischt sich darunter.

Das verspätete Mittagessen fällt in den Magen. Es handelt sich um Baguette. Immerhin belegt – da kann man nicht meckern. Der Nachmittag hält, was die Ergebnisse der Spiele betrifft, keine Überraschungen bereit, sagen die Experten. Ich interessiere mich weniger für Punktestände. Die Gesichter sind wesentlich interessanter. Die Anspannung, das Brüllen und Kreischen, es geht irgendwie … wild zu. Vielleicht ist es bei Sport immer so, das Wesen der Ekstase, egal, in welcher Form es auftreten mag. Um 20 Uhr schließen sich die Notebooks, der Rückweg ins Hotel wird angetreten. Nach einem gediegenen Abendessen einen oder zwei Blöcke weiter, fällt man ins Bett. Einen Comic ("Fable") später: Augen zu. Zuvor jedoch staunt man noch über die Tatsache, dass die Sicherheitskraft des Abendessen-Restaurants dieselbe ist, die auch das Gaming-Event bewacht. Vielleicht ist er der größte Spieler von allen.

 Weiter Lesen: Letzter Tag des Reisetagebuchs

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