Spiel doch, wie Du willst. Fast.
Zur Debatte um modifiziertes Spielen und Xbox 360 Gamerscore.


Auch geschlossene Netzwerke wie Microsofts Xbox Live habe mit Cheatern zu kämpfen. Soll man gegen sie vorgehen oder was treibt sie wirklich an? Von Rudolf Inderst Eingestellt: 9.05.2008 10:15

Am 25. März 2008 meldete Boris Schneider-Johne auf seinem Blog unter der Überschrift "(Extrem-)Mogeln lohnt sich nicht": "Das Xbox Live Team hat heute bei einer Reihe von Xbox Live Accounts, bei denen mit Saved Games und anderen Tricks enorme Mengen von Gamerscore ermogelt wurden, just diesen Gamerscore auf Null gesetzt und die Gamertags als Cheater markiert."

Ein weiter führender Link bringt den Leser zur offiziellen Firmenpolitik des Branchengiganten Microsoft, wo unter dem Punkt "Gamescore Corrections" mehr oder minder ausführlich dargelegt wird, wer, warum und in welchem Maße erzieherisch gemaßregelt wird.

Die Schritte sehen erstens vor, die Gamerscore der Spieler auf NULL zu setzen. Zweitens sind erreichte Achievements für immer verloren und drittens werden die Spieler, die "avoiding game play and the use of external tools" zu ihren Hobbys zählen, als Cheater für die gesamte Xbox Live Community kenntlich gemacht.

Microsoft macht den vom rechten Weg abgekommenen Spielern aber zu guter Letzt wieder Lebensmut: "While players who have been identified by these criteria will start from a zero gamerscore, they will still be able to gain achievements for future games. In other words, we give them another chance to earn future achievements by earning them as other “fair” players do."

...PC- und Videospieler [sind] Leistungsverweigerer, die Spaß und Freizeit an die erste Stelle in ihrem kümmerlichen Leben stellten...

Obwohl die Fachpresse oder Vereine wie Videospielkultur e.V. aktiv gegen ein Bild vom sozial isolierten 14-jährigen Zombiegamer mit Hang zu Pizza,Chips und Cola vorgehen, der eskapistisch in die Welt des Virtuellen flüchtet, bleibt oftmals der arg konstruierte Zusammenhang im Raum stehen, PC- und Videospieler seien Leistungsverweigerer, die Spaß und Freizeit an die erste Stelle in ihrem kümmerlichen Leben stellten. An der Mogeleidebatte, die durch den radikalen Schritt von Microsoft ausgelöst wurde, kann man nun aber klar sehen, dass dieser, gerade beschriebene, Typ Spieler offensichtlich kaum existiert oder sich in der Minderheit befindet.

In seiner wunderbaren Untersuchung "Digitale Paradiese" fasst Autor Andreas Rosenfelder zusammen: "Computerspiele als Form der Erholung zu bezeichnen, offenbart also profunde Unkenntnis. Es handelt sich viel eher um eine Art parallelen Arbeitsmarkt […]." Und Recht hat er. Jeder, der zum 52. Mal gegen einen Levelboss anläuft, nur um nach 14 Sekunden wieder besiegt am Boden zu liegen, weiß, dass Spielen schweißtreibende Arbeit sein kann, die volle Konzentration über einen längeren Zeitraum hinweg erfordert. Entsprechend stolz kann man später, hat man sein Ziel im Spiel erreicht, vor sich hin leben und (vorläufig) wieder aus dem flow Erlebnis aussteigen.

Erstaunlich ist nun aber, wie sich Ehrgeiz und eine andere, zutiefst menschliche Emotion, auch – oder gerade bei – Spielern paaren. Es geht um Neid. Diese Charaktereigenschaft, lateinisch übrigens "invidia", wird von der klassischen Theologie als ein "Hauptlaster" eingestuft und kann übrigens der Ursprung von sündigem Verhalten sein. Folgt man Meyers Lexikon erfährt man, dass es sich bei Neid um ein "feindseliges Gefühl gegen einen anderen wegen eines Wertes, dessen Besitz einem selbst nicht gegeben ist" handelt. Und weiter: "Motiv des Neids ist ein allgemeiner Benachteiligungsverdacht."

Wie ist es nun in diesem Zusammenhang zu werten, dass bei den Kommentaren zu Schneider-Johnes Beitrag folgende Sätze auftauchen: "Wird diese Aktion noch weiter gehen? Wenn man sich auf mygamercard.net umschaut sind da noch viele Cheater übrig!" oder "richtig so. die müssen das auch mal lernen"; Rechtschreibung unverändert.

Meines Wissens nach können Xbox 360 Spieler sich zu Beginn eines Spiels, sei es off- oder online nicht aussuchen, ob die Achievement-Punkte erhalten. Könnte man die automatische Erlangung dieser Punkte abstellen, hätte es die ganze Diskussion vielleicht gar nicht gegeben. Fakt ist, wenn ich mich entschließe, offline modifizierend zu spielen, sei aus dem Grund, dass mir persönlich das Spiel zu happig ausfällt, ich das Spiel als lockere, einfache Nebentätigkeit spielen möchte oder der Forscher den virtuellen Raum dekonstruieren möchte (wie es Julian Kücklich so schön bei "2nd Clash of Realities" vortrug) während ein Hörspiel läuft, Achievements mehr oder minder automatisch auf meinem Account zusammen laufen.

Aber selbst, wenn es nicht so wäre, soll an dieser Stelle einmal ausdrücklich betont werden: Es geht weder Microsoft noch andere Spieler auch nur das Geringste an, wie ich persönlich mein gekauftes Spiel spiele, beziehungsweise, wie ich den meisten Spaß aus meinem erworbenen Produkt ziehe. Mögen sich andere schwarz ärgern, dass ich diesen Weg und nicht ihren linearen Weg wähle: Es geht sie nichts an. Gar nichts. Und Microsoft schon zwei Mal nicht. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen.

Uneinsichtige Spielneider sind aber nur die eine Seite dieser schlimmen Entwicklung. Microsoft benutzt nun auch noch eine Form von pervertiertem Neusprech, um den völlig unakzeptablen Eingriff in mein persönliches Spielverhalten zu legitimieren. Sie sprechen von Korrektur. Natürlich muss man von Bestrafung sprechen, denn nichts anderes stellt der Eingriff, gegen den es übrigens KEINE MÖGLICHKEIT der Berufung gibt, dar. Korrigieren, besser noch, HELFEN müsse man den Spielern, die nicht verstehen, wie man sich in der konformen und angepassten Menge der zahlenden Kunden zu verhalten hat. Helfen muss man eigentlich nur Patienten. Bin ich das in den Augen von Microsoft? Bin ich ein Patient, der nicht entscheiden darf, wie er sein (Spiel-)leben am besten lebt?

Immer wieder bekommt auch zu hören, dass Microsoft diesen Schritt getan hat, um den vielen, vielen Spielern entgegen zu kommen, die sich ein solches Vorgehen gewünscht und sich gegenüber dem große Bruder auch so geäußert hätten. Wer will da NEIN sagen? Wer könnte dem Wunsch der Kinder widersprechen? Zum Nutze der Allgemeinheit, zum Wohle der Gesamtheit! In totaler Eintracht wird be- und entschieden: Keine Chance den "A-cheat-ments"!

In George Orwells Roman "1984" erklärt der Spion O’Brien den Ablauf von zielgerichteter Umerziehung für den Gefangenen Winston Smith: lernen, verstehen, akzeptieren. Gratuliere, die ersten Schritte hat die Community anscheinend erfolgreich bewältigt. Liest man die Kommentare in anderen Videospiel-Foren, und zieht man in Betracht, dass Microsoft die Spieler als "Cheater" brandmarkt, ihnen also ein firmenmaßgeschneidertes Fremdverständnis oktroyiert, könnte es bis zur Orwell’schen Hasswoche voller gemeinsamer Berauschung am Feindbild und Lustschaffung durch Denunziation auch nicht mehr weit sein. Wie heißt die Tagline von Xbox Live so schön: "Zusammen macht’s mehr Spaß."

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