Hinter der Ladentheke: Das Geduldsspiel um den Verkaufsstart von Call of Duty

Der Besitzer eines Videospielladens berichtet vom Ärger mit vertraglich vereinbarten Releaseterminen und warum Activision vielleicht schnelle Autos mag. Eine neue Kolumne. Von Ladenhüter Eingestellt: 15.11.2009 08:01

Schon im Spätsommer war es abzusehen: Call of Duty - Modern Warfare 2 wird etwas ganz Großes. Außergewöhnlich früh trafen die Vorbestellungen ein, die Nachfrage wuchs mit jedem Schnipsel an Information, der an die Öffentlichkeit drang. Zeit für uns, die benötigten Stückzahlen vorzubestellen. Nun hat der Fachhandel jedoch in der Regel nicht den Luxus, dies direkt bei den Publishern tun zu dürfen, denn mit uns "Kleinen" gibt man sich dort offenbar eher ungern ab. Wir waren also somit gezwungen, bei diversen Großhändlern dafür zu sorgen, dass wir genug Ware am Starttag in unseren Läden haben. Dies ist an sich nicht weiter erwähnenswert. In der alltäglichen Praxis trifft ein bis drei Tage vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin die Ware ein und wir beginnen sogleich mit dem Verkauf.

Nun ist Modern Warfare 2 kein gewöhnlicher Titel und sein Hersteller kein gewöhnlicher Publizier. Etwas erfolgsverwöhnt glaubte man, den Handel dazu verpflichten zu können, eine so genannte Streetday-Vereinbarung zu unterzeichnen, an die sich dann alle zu halten haben. Die Vereinbarung war einfach: Für jedes, vor dem festgelegten Streetday verkaufte Exemplar von Call of Duty bekommt Activision einen Porsche. Natürlich nur den Geldwert für einen Porsche, aber immerhin: Man könnte sich in der Firmenzentrale von dieser Summe locker einen davon kaufen.

Solche Streetday-Vereinbarungen stellen aber eine absolute Ausnahme dar. In der Regel läuft es nämlich wie gesagt so ab: Die Ware kommt, die Ware geht. Und zwar nicht nur im ungeliebten Fachhandel, sondern auch bei den von den Herstellern "geliebten" großen Flächenmärkten (nennen wir sie ’die Blauen’ und ’die Roten’). Hin und wieder aber spuckt unser Faxgerät tatsächlich einen solchen Vertrag aus - vornehmlich von Activision. Wie sollen wir also damit umgehen? Nicht unterschreiben und damit zu riskieren die benötigten Mengen nicht zu bekommen? Unterschreiben und wirklich erst am Streetday verkaufen, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits das Internet voll mit illegalen Raubkopien vom besagten Titel war und sich die ersten Leute auf den Freundeslisten mit einem überaus perversen Flughafen-Level auseinandersetzen? Wir entschieden uns für letztere Variante und hofften, die Händler würden sich solidarisch zeigen und den vereinbarten Streetday einhalten. Ein frommer, ein naiver Wunsch, wie sich schon bald herausstellte.

Für jedes zu früh verkaufte Exemplar bekommt Activision einen Porsche

Denn es kam, wie es kommen musste. Die Ware wurde angeliefert und Tage vor dem eigentlichen Releasetermin schickten die ersten Versandhändler sie auch prompt an ihre Kunden weiter. Händler, die von sich beanspruchen, ’Big Player’ zu sein. Händler, die sogar von den Publishern selbst direkt beliefert werden. Auch kleinere Fachhändler starteten deutschlandweit ihren Ladenverkauf. Wir konnten von hier aus lediglich ohnmächtig zusehen. Unsere Telefone standen von Freitag bis Montag nicht still. Jede Minute ein Anruf: "Warum spielen es die Leute schon?" und "warum hat Händler X es schon verschickt und ihr nicht?" waren dabei noch die freundlichsten Nachfragen. Es hagelte Stornierungen, denn wir waren vertraglich an den Streetday gebunden. Kunden schickten uns sogar Kaufquittungen, Versandbestätigunen und Bilder der überall in Deutschland gekauften Spiele, die wir an die entsprechende Stelle weiterleiteten. Natürlich vollkommen ohne Erfolg. Eisern beharrte man auf Seiten des Publishers auf dem Streetday. Für uns eine geschäftsschädigende Horrorsituation, wenn man bedenkt, welche Mengen von Modern Warfare 2 in unseren Lagern vor sich hin schlummerten. Einziger Trost: Vor Ort hielten wir lokalen Händler uns alle an die Absprache. Am folgenden Montag aber brachen dann auch hier die Dämme. "Die Blauen" fingen an. Sie hatten das Okay der Zentrale erhalten. Jeder zog nach und der Verkauf begann.

Nun liegt es an Activision, wie glaubwürdig sie in der Folge mit dieser Angelegenheit umgehen. Müssen die Versandhändler X und Y nun tatsächlich den kompletten Porschebestand aufkaufen und dort hin schicken? Oder passiert, was in der Vergangenheit immer passiert ist - Nämlich absolut nichts?! An ’die Blauen’ und ’die Roten’ traut sich ohnehin kein Hersteller heran, da sonst mal ganz fix ein Regalmeter in der Ausstellung dort flöten geht. Und das möchte man seitens der Videospielbranche dann doch eher nicht riskieren. Von unserer Seite ist jedenfalls schon eine Entscheidung getroffen worden: Eine erneute Unterschrift unter eine Streetday-Vereinbarung wird es nicht geben. Nie wieder.

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