Call of Duty: Modern Warfare 2 lässt HYPErventilieren

Am 10. November erscheint der langerwartete First Person Shooter Call of Duty: Modern Warfare 2. Wie Activision-Blizzard offenlegt, verkaufte sich der indirekte Vorgänger 13 Millionen Mal. So dürften also auf beiden Seiten des Produkts die Hoffnungen nicht eben bescheiden sein. Ein ideales Umfeld also, um einen Hype zu streuen, zu generieren, wachsen und gedeihen zu lassen. Doch was hat es mit diesem Hype eigentlich auf sich? Von Rudolf Inderst Eingestellt: 10.11.2009 06:00

Der für die Online-Ausgabe der NZZ schreibende Autor Andreas Maurer hielt im Mai 2006 fest, dass die früheste Definition von hype bereits aus dem Jahr 1926 stammt. Im „Unterwelt-Slang“, so Maurer, bezeichnete ein hype einen „Schwindel durch Wucher oder Mogelei“. Und glaubt man Partha Dasgupta, IT-Dozent an der Arizona State University, so geht die Geschichte noch viel weiter zurück: “Hype was invented when the first man told the first woman how wonderful life would be if she married him (even though she had no other choice).”

Es ist erstaunlich, wie viele unterschiedlich mediale Stimmen sich berufen fühlen, über Call of Duty: Modern Warfare 2 zu sprechen oder zu schreiben. Neben der Gesinnungslosigkeit dieser Publikationen und ihrer Entdifferenzierung von sozialen Kontexten sind dabei sicherlich organisatorische Neuerungen in den Redaktionen von Bedeutung, mutmaßt der Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss. Gerade die Abkehr von starren Ressort-Grenzen hat dazu geführt, dass nun alle alles machen. Nur dort, wo die fachlichen Zuständigkeiten fest gezurrt und damit auch Expertise gebunden ist – gedeiht die Gelassenheit, die einen Hype Einhalt gebieten kann.

Im Falle von Call of Duty: Modern Warfare 2 existierten von Anfang an zwei exzellente, janusköpfige Grundvoraussetzungen – nämlich Call of Duty 4: Modern Warfare und Call of Duty: World At War. Call of Duty 4: Modern Warfare genießt unter Fachjournalisten und Spielern einen sehr guten Ruf. Besonders online entfaltet der First Person Shooter weltweit immer noch seinen Multiplayer-Sog. Umso freudiger warten die Spieler auf die direkte Fortsetzung des Actionfests. Doch auch Call of Duty: World At War hat seinen Anteil – allerdings als Negativfaktor. Der Titel, der nicht von Infinity Ward, sondern von Treyach entwickelt worden war, konnte zu keinem Zeitpunkt die Erfolgsgeschichte wiederholen, was zum großen Teil am Szenario Zweiter Weltkrieg lag. Offensichtlich traf der dynamisch-moderne Anti-Terrorkampf wesentlich besser den Zeitgeist. Angesichts dieser aus Spielersicht herben Enttäuschung konnten die Erwartungen auf Teil 6 der Serie nur steigen. An dieser Stelle bedeutet der Hype also erst einmal „promise without proof“, wie es Ryan M. Healy in seiner Schrift „What is Hype?“ formuliert.

eine mit moraltriefenden Emotionen zum Skandalon skizzierte Chose

Wenn wir nun ein wenig Zeit ins Land ziehen lassen, gelangen wir über die Präsentation einzelner Spielteile auf Messen und der regelmäßigen Berichterstattung über Konkurrenztitel, die ihren Verkaufsstart verschieben, um nicht mit dem Übertitel konkurrieren zu müssen, direkt zum Take-Off! Diese Art von Abheben gibt es normalerweise an Flughäfen – und genau dorthin führt uns auch Call of Duty: Modern Warfare 2. In Form eines angeblich durchgesickerten (PR-Mythos 101!) Videos entsteht der Medienskandal. Der Spieler soll in einem Flughafenszenario als Undercover-Agent Zivilisten erschießen können? Hier kann Kurt Imhof, Soziologe und Leiter des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Uni Zürich zu Rate gezogen werden. Der media circus ist Imhof zu Folge nicht eine Kampagne traditioneller Art, sondern eine mit moraltriefenden Emotionen zum Skandalon skizzierte Chose. Der letzte Punkt definiert nach Imhofs Ansicht den Hype: Der allgemeinen Suggestion erliegen alle gleichermaßen: Boulevard-Blätter, seriöse Presse die elektronischen Medien, öffentlich-rechtlicher oder privater Natur. Die Einheits-Empörung macht den Einstieg in den Diskurs einfach – eine Medienüberhitzung bahnt sich an. Diese kann dem circle jerk nicht schaden, sondern nur nutzen. Ein Medienrummel, wie Hypes früher gerne bezeichnet wurden, kann sich in seiner punktuell gesteigerte Aufmerksamkeit und Schnelllebigkeit nicht überhitzen, er kann auch nicht abkühlen; kurz vor der Unendlichkeit verpufft er schlussendlich. Auch die etwaige Normativität der Diskurse spielt hier keine Rolle: Wie Gregor Honsel bei Spiegel Online treffend festhielt: „Ein Hype ist weder gut noch böse, sondern eine normale Phase, durch die jede neue Technologie muss – ebenso wie das Tal der Tränen“.

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