Geistlose Tätigkeiten sind: das örtliche Telefonbuch in Schönschrift abschreiben. Spitze Felsen einen steilen Hügel hinaufwuchten und wieder herunterrollen lassen. Joggen. All dies kann man machen, wenn man wirklich extrem viel Zeit und überschüssige Energie hat. Spaß macht das nicht. Möglicherweise stellt sich nach einer gewissen Zeit ein meditativer Geisteszustand ein, eine Art Trance, vergleichbar mit Schlaf und ebenso erholsam für die Sinne. Fragt sich natürlich, warum nicht einfach wirklich auf’s Ohr legen und die Augen schließen?

Ohne eine auch nur im Ansatz interessante Geschichte als Motivationshintergrund wird der Spieler in Borderlands geworfen. Nach einer faszinierenden, zuviel versprechenden Eingangssequenz mit großartiger Musik und gelungen präsentierter Charakterauswahl steht die eben gewählte Figur in einem heruntergekommenen Wüstenkaff mit latentem Endzeitcharme und fragt sich zum ersten, aber sicher nicht zum letzten Mal, was sie hier eigentlich zu suchen hat. Mit noch schwächlicher Bewaffnung versehen geht es dann in die, in Maßen frei erkundbare, Welt von Pandora hinaus, wo durchgeknallte Feinde in verschiedenen Größen und stets herumstreunende Mischwesen aus Ratte und Hund zu pausenloser Selbsterwehr zwingen
...ein meditativer Geisteszustand...
Vier unterschiedliche Rollen stehen zur Wahl, die sich in Aussehen und Kampfvorlieben unterscheiden. Von eleganten Distanzwaffen bis zum knöcheligen Fausteinsatz reichen die Möglichkeiten, die Borderlands bietet, um den Cel-shading-Feinden zu Leibe zu rücken. Aber auch wenn beispielsweise die eher auf Scharfschützengewehre spezialisierte Klasse des Hunters ausgewählt worden ist, stellen Schrotflinten und andere, brachialere Waffen kein wirkliches Hindernis dar – benutzbar ist jede Waffe, sofern der bisher erreichte Erfahrungslevel ausreicht.
Besonders stolz auf sich selbst ist Borderlands immer dann, wenn es neue Waffen aufzubieten hat. Und das hat es eigentlich ständig. Besiegte Feinde hinterlassen aufsammelbare Gegenstände und Waffen, die in ihrer Seltenheit durch farbliche Markierungen unterscheidbar sind. Ein mit grüner Markierung aufwartendes Gewehr ist zwar seltener als ein weißes, kann aber mit blauen oder gar orangenen Fundstücken nicht mithalten. Ein im Hintergrund des Programmcodes wirkender Algorithmus macht aus den schnöden Schießeisen mit phantastischen Eigenheiten versehene Unikate, die sich zwar nicht unbedingt im Aussehen, aber in den Werten und erzielbaren Effekten deutlich voneinander unterscheiden. Ein Scharfschützengewehr, das sein Ziel in Flammen setzt ist da noch eine vergleichsweise unspektakuläre Variante.

Die ständige Optimierung der eigenen Ausrüstung kann oft begeistern, lenkt aber ab und an auch unnötig ab. Zu viel an Beute liegt aufsammelbar herum, alles anzuschauen und abzuwägen fehlt die Zeit. Situationen, in denen der Spieler bildlich gesprochen bis zu den Knien in fallengelassenen Waffen steht und nicht weiß, womit er die heraneilenden Horden nun am Besten abwehren soll, sind mehr die Regel, denn die Ausnahme.
Klassenspezifisch bleibt die auslösbare Spezialfähigkeit, die mit Erreichen der fünften Erfahrungsstufe zugänglich gemacht wird. Der Jäger entsendet dann einen todbringenden Raubvogel, der Berserker macht seinem Namen alle Ehre und verprügelt die Bösen ohne Gnade. Aufgeteilt in mehrere Bereiche kann der eigene Charakter mittels durch Levelaufstiege erworbener Punkte verbessert und spezialisiert werden. Löblich der Umstand, dass falsch verteilte Spezialisierungen wieder rückgängig gemacht und die erworbenen Punkte neu verteilt werden können. Einer fatalen Fehlentwicklung der eigenen Figur wird dadurch effektiv vorgebeugt.
...man schläft quasi mit dem Pad in der Hand...
Aber nur durch ein mehr an Erfahrung kann die gewählte Klasse in den Genuß der reizvollen Spezialisierungen kommen - den Level allmählich zu steigern ist denn auch neben der Jagd auf ungewöhnliche Bewaffnung der Hauptzweck in Borderlands. Erledigte Gegner und erfolgreich absolvierte Missionen bringen wie in einem klassischen Rollenspiel die benötigten Erfahrungspunkte, abhängig vom Gegnerlevel mehr oder weniger. Die Missionsstruktur bleibt dabei meist simpel und folgt dem erprobten Schema, an einem festgelegten Ort alles zu töten. Dabei stellen sich die Feinde allzu oft strunzdämlich an, bleiben in der Levelarchitektur stecken oder schaffen es einfach nicht, zu verstehen, wer da gerade warum auf sie schießt. Die um sie herum tot umfallenden Kameraden scheinen dem Verstehensprozeß nicht zuträglich zu sein und werden fatalistisch hingenommen.
Blödheit unter den Gegnern macht Borderlands jedoch nicht zum Spaziergang. Wagt sich der Spieler in Regionen, in denen starke Feinde lauern, schafft es meist schon die zahlenmäßige Übermacht, einen baldigen Exitus zu garantieren. Wenig hilfreich in diesem Zusammenhang ist dann auch die Tatsache, dass sich bereits befriedete Gebiete sehr rasch wieder voller frisch aus dem Nichts aufgetauchter Fieslinge präsentieren. Innerhalb von Minuten materialisieren Nachschubtruppen und machen Jagd auf den Spieler – Sightseeing wird so zur gefährlichen Angelegenheit.

Aufgrund der frappierenden Leere der Welt, die, eingeteilt in durch Ladebildschirme getrennte Abschnitte, kaum das Gefühl von Freiheit aufkommen lässt, mag man aber auch gar nicht so recht zu Erkundungen aufbrechen. Gut aussehen tut dieses Universum voller futuristisch-apokalyptischer Westernatmosphäre ja – in Borderlands meint man, radioaktiv verstrahlte Wüstenläufer über die Wege streichen zu hören. Aber einem genaueren Blick halten die Kulissen nicht stand, passend zum eingewobenen Las Vegas-Glitzerdekor verhüllt die ansehnliche Optik grob entworfene Kulissen.
...das Spiel an sich bleibt kalt und emotionslos...
Beim Spielen von Borderlands stellt sich ein ruhiger, entspannender Sammeltrieb sehr schnell ein, man schläft quasi mit dem Pad in der Hand und lässt sich spielend dahintreiben – trotzdem nagt die Seelenlosigkeit des Geschehens auf Dauer am möglichen Entspannungseffekt. Borderlands erzählt dem Spieler nichts, gibt ihm nichts mit auf den Weg, beschäftigt ihn nur. Vor größeren Gegnern und storyrelevanten Ereignissen meldet sich eine schemenhafte Frauengestalt kurz zu Wort und ergeht sich in wenig erhellenden Andeutungen. Dutzende Stunden in der apokalyptischen Welt von Pandora zu verbringen ist letztendlich kaum mehr als eine Übung in Geduld und Duldsamkeit.
Weniger dröhnend hohl wird die immergleiche Hatz auf bessere Waffen und mehr Geld im Verbund mit bis zu drei Mitstreitern, die in die übrigen Rollen schlüpfen können, die Borderlands zu Anfang offeriert. Das Spiel an sich bleibt zwar kalt und emotionslos, die Kommunikation mit menschlichen Kameraden hilft aber über die inhärente Einsamkeit der unbelebten Welt hinweg. Festzuhalten bleibt natürlich, dass eigentlich jede Tätigkeit mit freundschaftlicher Unterstützung an Reiz hinzugewinnt. Auch ein Zahnarztbesuch würde weniger schrecken, könnte man zusammen mit drei Freunden nebeneinander auf den Stühlen liegen und die Bohrer beobachten. Der orale Eingriff an sich bleibt aber unschön. Von gemeinsam in Borderlands verbrachter Zeit bleibt außer dem Gemeinschaftserlebnis nichts – und ein solches vermittelt auch gemütliches Gruppenklöppeln mit Kaffee.