„Ein mitreisender Veranstaltungstechniker bei Live-Auftritten von Musikern und Musikgruppen auf Tournee.“ Latent unromantisch definiert die deutsche Wikipedia das Berufsbild des Roadies. Es steht zu vermuten, dass die solcherart Entzauberten für sich selbst andere, wildere und aufregendere Tätigkeitsbeschreibungen fänden. In denen oft das Wort „Rock!“ vorkommen würde. Eventuell auch „Bier“. Immer im Schatten der Musiker stehend, wären Konzerte ohne gute Roadies nicht möglich. Bühnenaufbau, Lichttechnik, Sound – Vielseitigkeit ist unabdingbar für die Helfer im Hintergrund, deren Berufsethos sie zu armtätowierten Butlern in schwarzen T-Shirts adelt. Viel zu lange wurden ihre Verdienste um den Musikbetrieb nicht hinreichend gewürdigt – gut, dass es nun eine spielbare Hommage gibt, die den Roadie als das zeigt, was er im richtigen Kontext schon immer war: der Hüter des Rock.

Eddie Riggs erleidet in der Eingangssequenz zu Brütal Legend die modernen Zeiten des Heavy Metal, die musikalischen Leichtgewichten erlauben, auf der Bühne Elemente des Metal mit Rap und Pop zu vermischen. Die schnöseligen Jungstars haben keine Wertschätzung für den altgedienten Roadie übrig, der stoisch zerstörte Instrumente repariert, die Bühnendekoration im klassischen Metalstil verantwortet und ganz allgemein den Laden zusammenhält. Bei einem Bühnenunglück stürzen Teile der Dekoration über dem Roadie zusammen, Bühnenattrappe Ormagöden - Feuerbiest, Verbrenner des Himmels und Zerstörer der Alten Welt – erwacht zum Leben und Eddie findet sich wieder in einer anderen Realität. Ein Universum, regiert von den Göttern des Metal, in dem Instrumente Waffen und alle Klischees des Rock Realität sind.
...regiert von den Göttern des Metal...
Wer schon einmal die auf den obligatorischen schwarzen Shirts und Kapuzenpullis der Metalheads befindlichen Motive genauer betrachtet hat, der wird, neben ganz neuen Vorstellungen über Grenzen der Typographie, eine Vorstellung davon gewonnen haben, wie die Welt von Brütal Legend gestaltet ist. Chromblitzende Fahrzeuge mit feurigen Applikationen. Totenköpfe jeder Art. Junge Damen in Leder. Alte Männer in Leder. Grinsende Monster, die sich aus modrigen Grüften erheben. Und Hörner. Viele Hörner. Tim Schafer, Lucasarts-Urgestein und Schöpfer von wegweisenden Titeln wie Psychonauts oder Grim Fandango, hat nicht weniger ersonnen als einen spielbaren EMP Merchandising-Katalog.
Musik spielt in Brütal Legend nicht nur die Rolle der angenehmen Hintergrundbeschallung. Passend zu einem Universum, in dem Gitarrenriffs Feinde verbrennen und in die Luft schleudern können, übernehmen die über einhundert Tracks kommentierende und dem Spiel Rhythmus verleihende Funktionen. Die erste Fahrt im aufrüstbaren Vehikel wird so passend von treibendem Metal untermalt, dass man sich Notizen für ein persönliches Auto-Mixtape machen möchte. Mittels an Musikspiele wie Guitar Hero erinnernde Einlagen, bei denen zum richtigen Zeitpunkt die entsprechende Taste gedrückt werden muss, werden in Brütal Legend spezielle Aktionen ausgelöst. Sei es die Beschwörung des Autos oder ein im Kampf nützlicher Angriffsbefehl – nur wer ein Mindestmaß an Rhythmusgefühl mitbringt, wird es schaffen, Eddie Riggs und seine Mitstreiter effektiv vor Unheil zu bewahren.

Mittendrin in diesem Metal-Nirvana versucht der Spieler in der Rolle des von Schauspieler Jack Black gesprochenen Eddie nicht weniger, als die Welt zu retten. Unterstützung findet er in Form menschlicher und halb-menschlicher Kameraden, ewig headbangenden Ironheads, ballernden Groupies, Motörhead-Frontmann Lemmy alias „The Kill Master“. Und Ozzy Osbourne, bei dem man sich nicht ganz sicher sein kann, in welche Kategorie er gehört. Wahrscheinlich stellt er eine ganz eigene dar. Die Charakterzeichnung in Brütal Legend gehört mit zum Besten, was man im Videospiel bislang gesehen hat. Die originalen Sprecher erfüllen ihre Rollen lustvoll mit Leben und sind sich der augenzwinkernden Ironie stets voll bewußt. Heavy Metal war schon immer nicht frei von Komik – enge Hosen, hohe Stimmen, lange Haare. Brütal Legend schafft es aber, seinem Sujet auf nette Art den Spiegel vorzuhalten und zu keinem Zeitpunkt lächerlich zu machen. Die Figuren und hier vor allem die Mimik sind trotz technischer Einschränkungen, die das Spiel weniger beeindruckend aussehen lassen, als eigentlich auf Konsole möglich gewesen wäre, ein Meilenstein.
...enge Hosen, hohe Stimmen, lange Haare...
Wie jeder Roadie versucht sich auch Eddie Riggs in vielen Bereichen. Neben blutiger Aktion im Nahkampf mit Posern, Grufties und Dämonen macht er hinter dem Steuer seines Wagens eine gute Figur. Die große und frei erforschbare Welt macht ein schnelles Vorankommen auf Rädern unvermeidbar. Actionsequenzen, in denen Eddie fahrenderweise Hindernissen ausweichen muss, können manchmal frustig schwer werden – es geht schnell voran und der einzuschlagende Weg ist oft eher vage vorgegeben. Neben Zuschlagen und mit überhöhter Geschwindigkeit fahren hat Riggs aber noch andere Aufgaben als Weltenretter zu erfüllen.
Im Spielverlauf werden mehr und mehr strategische Elemente ins Geschehen eingebunden. Eddie kann während der wiederholt vorkommenden Großschlachten gegen die Schergen des Bösen, mit Flügeln versehen über die Schlachtfelder gleiten und seinen angeworbenen Truppen Kommandos erteilen. Dabei wollen Ressourcen (in diesem Falle Merchandise-hungrige Fans) ebenso im Auge behalten werden wie die Zusammensetzung der eigenen Fußtruppen. Diese strategischen Elemente verlangen eine gewisse Eingewöhnungszeit, erreichen aber nie die Komplexität spezialisierter Strategietitel, wozu auch die jederzeit gegebene Möglichkeit, selbst handgreiflich ins Geschehen einzugreifen, ihren Teil beiträgt. Brütal Legend bewahrt auch während der epischen Gefechte seine Zugänglichkeit und seinen Charme.

Neben den die Story vorantreibenden Hauptmissionen bietet sich dem interessierten Spieler immer die Gelegenheit, abseits der üblichen Pfade die Umgebung zu erkunden. Dann findet sich eine Menge an Nebenmissionen, die teilweise mit großartigen Dialogen und Ideen für die spielerische Neugier belohnen. Gefangene Drachen können befreit und Rennen gegen einen frechen Konkurrenten angetreten werden. Die für erfolgreich absolvierte Missionen gewonnen Boni dürfen dann beim ikonischen Ozzy gegen verschiedene Verbesserungen eingetauscht werden – seien es neue Waffen für den Wagen oder steinerne Bildnisse der Hauptfiguren. Brütal Legend präsentiert sich wie ein guter Song – schnellen Passagen folgen ruhigere Momente, die zum Atemholen genutzt werden können und sollten. Wer das Spiel in möglichst kurzer Zeit beenden will, beraubt sich selbst eines großen Teils der Magie.
Echte Roadies würden Brütal Legend lieben, eine ebenso wie sie an vielen Fronten einsetzbare Allzweckwaffe, die mit Humor, brachialer Action und einer Prise Strategie den tapferen Mädchen für alles ein donnerndes Denkmal baut.