Zum Kern der Musik vordringen. Den Ballast abwerfen. Die Seele freilegen. Keinem Produzenten gelingt dies auch nur annähernd so gut wie Rick Rubin, der in seiner Karriere so gut wie alles Material vergoldet hat, das ihm in die Hände gegeben wurde. Die Beastie Boys, Metallica, U2, Johnny Cash und Neil Diamond verdanken ihm ihre musikalisch bedeutendsten Alben, über alle Genregrenzen hinweg hat Rubin die moderne Musik geprägt wie kein Zweiter. Dabei geht Rubin stets ganz ähnlich vor: er schneidet gnadenlos alles überflüssige Fleisch vom Knochen, solange, bis er die künstlerische Essenz des Ausgangsmaterials ans Licht gebracht hat. Cash nahm er alle Country-Bräsigkeit und machte den Man in Black zum Sinnbild zeitloser Coolness - „American Recordings“. Die Beastie Boys verdanken ihre ganze Karriere dem Eingreifen Rubins, der Mitte der 80er den New Yorker Lausbuben eine kristallklare musikalische Vision mit auf den Weg gab - „Licensed to Ill“. Ob Rubin sich für Videospiele interessiert, ist unbekannt, aber die Londoner Slightly Mad Studios haben in ihrer Herangehensweise eindeutige Parallelen offenbart. Auch sie sind dabei, eine ins Stocken geratene Karriere durch radikale Maßnahmen zu retten.

Die Need for Speed-Reihe kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Seit über 15 Jahren steht der Name für Rennspiele, die neben der Darstellung rasanten Renngeschehens weitere Elemente ins Gameplay integrieren, sei es die motorisierte Exekutive oder das liebevolle Individualisieren des eigenen Vehikels mittels Myriaden von Tuningoptionen. In den letzten Jahren war der Reihe jedoch ein wenig der Fokus abhanden gekommen. Rennen fanden des Nachts in einer frei befahrbaren städtischen Umgebung statt, das Bemalen greller Kotflügel schien bedeutender als die Kurvenlage der Boliden und Videos leicht bekleideter weiblicher Entourage machten die Need for Speed-Spiele endgültig zum Prollsimulator mit Rennelementen - „The Fast and the Furious“ statt „Le Mans“. Technische Probleme sorgten dafür, dass sich auch langjährige Freunde der Reihe seufzend abwandten und anderen Rennspielen den Vorzug gaben.
...eingeschlossen in einem kraftvollen Metallhaufen...
Mit Need for Speed: Shift soll nun aber alles anders und wieder besser werden: eine Rückkehr zum Purismus der Rennstrecke, der Sound hochgerüsteter Motoren statt weichgespülten Hip-Hops, ohne jedoch alle Sympathie für Verzierungen auf glänzendem Lack und knallig geschnittene Zwischensequenzen gänzlich zu verleugnen. In Shift macht Need for Speed eine unerwartete, wenn nicht gar für ausgeschlossen gehaltene Verwandlung durch und attackiert Rennsimulationen wie Gran Turismo und Forza aus dem Windschatten heraus.
Innovationen in einem Rennspiel zu realisieren ist schwer, die Grundprämisse bleibt eben immer gleich: ein Fahrzeug möglichst schnell von A nach B zu bringen. An dieser Formel ändert auch Need for Speed: Shift im Kern nichts, kann aber auf einige Elemente verweisen, in denen es der etablierten Konkurrenz sozusagen aus dem Stand heraus die Grenzen aufweist. Der Akustik im Besonderen gelingt es wie keinem anderen Rennspiel zuvor, die perfekte Illusion zu kreieren. Der Motorensound macht Fürchten, dermaßen druckvoll klingen die Boliden, dass man sich beim Fahren wirklich wie eingeschlossen in einem kraftvollen Metallhaufen fühlt, den auf der Strecke zu halten erstmal viel wichtiger ist, als das Rennen auch schlußendlich zu gewinnen. Wenn im Falle eines Missgeschicks der Wagen in die Leitplanken kracht und der Fahrer benommen versucht, wieder die Kontrolle über sich und sein Fahrzeug zu erlangen, dann verschwimmt nicht nur die Sicht, sondern verlangsamt sich auch die Geräuschkulisse bis hin zu einem dröhnenden Brummen, das bei weit aufgedrehter Anlage dem Spieler direkt in den Magen fährt.

Das Gefühl, wirklich am Steuer eines Rennwagens zu sitzen und mit verschwitzen Händen verzweifelt das bockende Lenkrad zu umklammern, verstärkt sich noch durch die erstmals in einem Rennspiel wirklich anwendbare Innenperspektive. War die Innenansicht bisher nur etwas für passionierte Spieler, die Einlenk- und Bremspunkte aller Rennstrecken quasi im Muskelgedächtnis speicherten, so können nun auch weniger eingeschworene Freunde schneller Autos Platz im Innenraum nehmen. Die detailgetreue Nachbildung des Wageninneren erfreut das Auge, verzückt mit Details wie akkurater Geschwindigkeitsanzeige im Miniaturformat und kann vor allem die essentielle Übersicht gewährleisten, ohne die jede Fahrt zum Blindflug werden würde. In Need for Speed: Shift ist die Innenperspektive wirklich spielbar, was ein Novum im Genre darstellt. Die Entwickler haben die Sicht aus dem Wagen heraus denn auch zur Standardansicht gemacht.
...bis zu den Schultern in Motoren...
Auf der Strecke selbst begeistert die Dynamik des Renngeschehens. Ohne die arcadigen Wurzeln der Vergangenheit zu verleugnen, wendet sich Shift der realistischen Glaubensrichtung im Rennspielgenre zu. Als echter Konvertit möchte das Spiel denn auch besonders eifrig sein und eröffnet dem Spieler eine Unmenge eine Einstellungsmöglichkeiten, die sich auch wirklich spürbar auf den Rennalltag auswirken. Wer jedoch nicht bis zu den Schultern in Motoren versinken mag, der bedient sich der Voreinstellungen, die das Spiel offeriert und kann sich voll darauf konzentrieren, im eigentlichen Rennen nicht das Nachsehen zu haben. Was schwer genug fällt, denn trotz anfänglich schneller Erfolge verlangt Shift dem Spieler nach kurzer Zeit alles ab. Speziell die Driftrennen und die Auseinandersetzungen gegen nur einen Konkurrenten im direkten Duell frustrieren ob ihres unausgegorenen Härtegrades. Eben noch war man im regulären Rennbetrieb an der Spitze des Feldes gewesen, nun sieht man im fahrerischen Zweikampf ab der zweiten Kurve kaum mehr die Rücklichter des Gegners.
Hier sollte eine sorgsame Wahl zwischen zuschaltbaren Fahrhilfen und Realismus getroffen werden, denn ganz ohne Traktionskontrolle und angezeigter Ideallinie fährt es sich schnell überaus anspruchsvoll. Die schwankende Intelligenz der Rennfahrerkollegen führt dann bald zu unfreiwilligen Ausflügen neben die Strecke. Wer jedoch alle Handreichungen des Titels einschaltet, der fühlt sich ähnlich in der Rolle eines Rennfahrers wie ein Säugling im Kinderwagen. Nur durch Geduld findet sich das persönlich akzeptable Mischungsverhältnis aus Herausforderung und Spielspaß.

Mit seinen stilisierten Zwischensequenzen, die die Rennwagen in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken, seiner grandiosen Innenperspektive und der immer präsenten Dynamik auf der Strecke etabliert sich Need for Speed: Shift als ernsthafter Konkurrent um die Krone des Rennspielgenres. Ein ausgewogenerer Schwierigkeitsgrad und fairere, intelligentere Computergegner sollten jedoch ganz weit oben auf der Liste an Aufgaben für zukünftige Projekte stehen. Trotzdem: Shift hat Need for Speed vor der Bedeutungslosigkeit gerettet.