Wir alle kennen sie, die Mega Drives und Super Nintendos, die uns in unserer Kindheit die Tage versüßt haben. Die Älteren unter uns kennen vielleicht auch noch Atari und Colecovision. Aber wie sah es außerhalb Deutschlands, über dem großen Teich Richtung Osten aus? In dieser Serie wollen wir einmal die Exoten und Kuriositäten betrachten, die es niemals außerhalb Japans geschafft haben. Frei dem Motto: Konsolen, die kaum einer kennt.
Anfangen wollen wir mit einer Konsole, die gleich in mehreren Disziplinen Maßstäbe setzen und in technischer Hinsicht Vorreiter einer ganzen Generation werden sollte: Die FM Towns Marty. Bevor wir uns nun näher diesem Gerät widmen, wollen wir uns zunächst einmal die Lage des Computer- und Konsolenmarkts Anfang der 1990er Jahre kurz anschauen.

Computerseitig wurden in Europa die PCs gerade spieletauglich. Der EGA Grafikstandard regierte mit seinen 16 gleichzeitig darstellbaren Farben die Bildschirme und die ersten Soundkarten ließen die Piepstöne der PC-Steinzeit verstummen. Im Spiele verrückten Japan war man an der Stelle schon weiter: Im Februar 1989 erschien im Land der aufgehenden Sonne ein PC, der hiesigen Spielern das Wasser im Munde zusammen laufen ließ: Der Fujitsu FM Towns. Dieser hatte zum einen phänomenale Grafikfähigkeiten (bis hin zu 4096 Farben gleichzeitig aus einer Palette von 16,7 Mio. Farben) zum anderen war darüber hinaus, als erster Homerechner überhaupt, jeder FM Towns PC standardmäßig mit ein CD-Rom Laufwerk ausgestattet. Dies machte ihn zur idealen Spielmaschine und dementsprechend atemberaubende Titel erschienen für das Gerät (siehe Extrakasten). Vom FM Towns wurden im Laufe der Zeit diverse Versionen veröffentlicht, die sich vor allem durch schnellere Prozessoren und größeren Arbeitsspeicher auszeichneten.
Soweit war Fujitsu in Japan PC-seitig also dick im Geschäft. Das war den Verantwortlichen von Fujitsu allerdings nicht genug. Mit einem Auge schielte man auf den aufkeimenden Konsolenmarkt, der besonders in Japan zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich ausgeprägt war. Hier dominierten vor allem die PC Engine, Nintendos Famicom (bei uns als NES bekannt) und Super Famicom (Super Nintendo) sowie das Mega Drive von Sega. Die beiden letztgenannten wurden dabei als so genannte 16-Bit-Konsolen beworben. Diese Angabe bezeichnet die Datenbreite des Hauptprozessors der Konsole und wurde zu jener Zeit gerne zu Werbezwecken genutzt, um die Leistungssteigerung gegenüber den Vorgängerkonsolen mit einem knackigen Schlagwort besonders hervorzuheben. Und auch Fujitsu witterte im Konsolenmarkt das große Geschäft. So kam es, dass man am 1991, zwei Jahre nach Veröffentlichung des ersten FM Towns PCs, die FM Towns Marty vorstellte. Im Grunde genommen war die Marty eine verkleinerte, auf Konsolenformat geschrumpfte Version ihres Fujitsu FM Towns II. Selbst ein Diskettenlaufwerk spendierte man dem Gerät und machte somit die offensichtliche Computerverwandheit komplett.
Von Bits, Bytes und Datenträgern
Ihren besonderen Status in der Konsolengeschichte verdankt die Marty zwei wegweisenden Entscheidungen bei der verbauten Hardware. Zum einen war sie durch den verbauten 386SX-Prozessor von Intel die weltweit erste 32-Bit-Konsole. Bei Fujitsu verpasste man es jedoch, diese Eigenart als Alleinstellungsmerkmal gewinnbringend zu kommunizieren, so dass schließlich Commodore ihren Amiga CD32 großspurig als erste 32-Bit Konsole vermarktete und im Gedächtnis blieb. Zum anderen hatte die Marty als erste Konsole überhaupt ein fest verbautes CD-Rom Laufwerk und läutete damit die moderne, multimediale Konsolengeneration ein.
Dies alles legt die Vermutung nahe, dass sich eine Konsole mit solchen Leistungsdaten in Japan doch prima verkauft haben muss? Leider war genau das Gegenteil der Fall: Die Marty floppte auf ganzer Linie. Dieser Misserfolg lässt sich im Nachhinein auf mehreren Faktoren zurückführen. Zum einen verschreckte der schon damals exorbitanten Preis von fast 100.000 Yen (nach heutigem Kurs fast 750€) viele Käufer. Zum anderen schielten viele potentielle Käufer bereits auf die angekündigten CD-Konsolen von Sega und Sony, welche nicht nur leistungsfähiger sondern vor allem erheblich billiger sein sollten. Somit fanden letztlich nur ziemlich wenige Martys den Weg zum Kunden. Da half auch eine später eingeführte, zum Ursprungsmodell sich nur in der Farbe unterscheidende, aber weitaus preiswertere (66.000 Yen) Nachfolgeversion, die Marty 2, nicht mehr viel. Ende des Jahrzehnts war dann endgültig Schluss und die Marty wurde bei Fujitsu aus dem Programm genommen. Die Marty war dabei sogar so erfolglos, dass der Konsole der zweifelhafte Ruhm eines eigenen Sprichwortes zuteil wurde. So trägt die, in unseren Gefilden als Murphys Gesetz bekannte Lebensweisheit ("Alles, was schief gehen kann, geht auch schief") in Japan seinen ganz eigenen Namen: Martys Law - benannt nach Fujitsus erfolgloser Konsole.

Aber welche Art von Spielen existierten denn für die Marty? Nun, die Frage lässt sich ganz einfach beantworten: Fast alles, was es auch für die FM Towns Computer gab lief auch auf der Marty Konsole. Das war vor allem eines: Hentai - oder übersetzt: Erotikspiele. In Japan eines der erfolgreichsten Genre bei PC Spielen, kann sich die Marty somit rühmen, die Konsole mit der größten Auswahl an Pornosoftware zu sein. Aber auch andere Spiele fanden natürlich ihren Weg in den CD-Schacht der Konsole. Neben vielen japanischen Rollenspiel-Perlen, gerade auch viele Shooter oder gelungene Adaptionen populärer Arcadeautomaten. So gibt es für die Marty die perfekte Portierung des Klassikers Splatterhouse (siehe Extrakasten), die einzige Umsetzung des Toaplan-Hits Tatsujin Oh (die Fortsetzung des Shooters Tatsujin), sowie multimediale Vorreiter wie die Titel Microcosm und Scavenger 4.
Heute ist die Marty ein begehrtes Sammlerstück
So sang- und klanglos, wie die Marty in Japan unterging, so gefragt ist sie nun Jahre später: Für ein komplettes Exemplar in originaler Verpackung und mit allem Zubehör zahlen Sammler heute auch gerne mal Summen bis zu 500 Euro. Dazu kommen die Spiele, welche tiefe Löcher in den Geldbeutel reißen: Für Splatterhouse und Tatsujin Oh zahlt man gut und gerne 250 Euro und aufwärts. Billiger kommt man bei Titeln weg, die durch die Sprachbarriere unspielbar sind oder den massig produzierten Hentai-Titeln.
Die Marty ist ein Gerät, das seinen Exotenstatus wirklich verdient hat. Aber genau das macht diese Konsole natürlich gerade so interessant. Denn kaum jemand kann mit dem Begriff "Marty" im Konsolenbereich wirklich etwas anfangen. Vielleicht hat man den Namen schonmal gehört. Aber die wenigsten haben das Gerät schon mal live gesehen oder gar daran gespielt. Dabei hat sie durchaus sehr interessante Spiele. Und durch den Vorreiterstatus bei den 32-Bit CD-Konsolen hat sie eh einen ganz besonderen Platz im Konsolenstammbaum verdient.