Um eines gleich vorweg zu nehmen: Ich werde mich gerne eines Besseren belehren lassen. Sollte sich die digitale Distribution doch zu meinen Konsumenten-Wünschen und zu meiner Spielerzufriedenheit durchsetzen und bewähren, werde ich gerne zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle verkünden, dass ich falsch lag und einen Segen nicht erkannte oder schlimmer erkennen wollte. Bis dahin jedoch möchte ich einige kritische Anmerkungen machen.

1. Beraubung des haptischen Erlebnisses – Sammler sehen rot
Oder anders formuliert: Einsen und Nullen können nicht im Regal bestaunt oder beneidet und voller Begeisterung mittels Händen und Finger zelebriert werden. Sammlereditionen gehören in jede ordentliche Regalreihe eines Videospielers. Da kann manchmal auch noch sehr über den Platzmangel in der Wohnung geschimpft werden: Im Zweifelsfall räumt man doch gerne einmal die Regale um, damit seine neueste Spiele-Specialedition gebührend präsentiert werden können.
2. Preise, Preise, Preise – wirklich billiger ist der Spaß nicht geworden
Wer sich noch erinnern kann, wie sehr die Spekulationen kochten, als die Zeiten der Plastik-Cartridge sich zu Ende neigten. Da hieß es gerne, wenn erst einmal die CD als Datenträger kommt, werden die Spielepreise fallen, da die Produktionskosten auch sinken. Ist das passiert? Nein. Nun stehen wir vor einer weiteren Schwelle – man könnte ja meinen, wenn ich schon keinen gegenständlichen Gegenwert erhalte, und seien es auch nur Hülle, Datenträger und Anleitung, dann sollte der Preis doch signifikant fallen. Was aber natürlich nicht passieren wird. Denn plötzlich heißt es eben, die Spieleproduktion an sich ist ja auch teuerer geworden.
3. Mehr Speicherplatz, mehr digitale Inhalte – die Hydra bekommt noch mehr Köpfe
Inhalte, die früher im vollständigen Spiel enthalten waren, kommen nun plötzlich als kostenpflichtiger Zusatzcontent zum Download daher. Nachgeschobene Extras, die einfach frech extra zur Abkassierung führen passen wunderbar zur zweiten Problematik: Speicherplatz. Reicht der Speicherplatz etwa nicht? Kein Problem! Holen wir uns doch eine größere Festplatte. Und nach einem halben Jahr noch eine, und später die nächste…da rotieren die Dollarzeichen!
Preise sollten doch signifikant fallen - werden sie aber sicher nicht
4. Second Hand Spiele – nicht mit der Industrie!
Bringen wir es auf den Punkt: Digital erworbene Inhalte können nicht wieder- oder weiterverkauft werden. Wer würde sich wohl freiwillig dieser Option berauben lassen? Wer hat nicht schon in Krisenzeiten einmal einen kleinen Karton gepackt und ist damit zum Videospielhändler des Vertrauens marschiert? Wer hat noch nicht bei Auktions- oder Verkaufsportalen Spiele eingestellt? Oder anders herum gefragt: Wer hat sich noch nicht diebisch über ein billiges Schnäppchen gefreut, dass er machen konnte?
5. Soziales schnelles Spiel – gone!
Spiele können nicht mehr ausgeliehen, getauscht oder mitgebracht werden. Zusammen mit der konsequenten Streichung von Offline-Koop-Modi ergibt sich damit ein schauriges Bild. Was früher recht üblich war – schnell zu Freunden mit einem Haufen Spiele im Rucksack – kann nun nicht mehr ohne weiteres in Angriff genommen werden. Außer natürlich man ist willig, seine gesamte Konsole einzupacken, um Software auf der Festplatte zu bewegen oder auf ein persönliches Treffen zu verzichten. Sicherlich ist die Option des Online-Spielens nützlich, praktisch und nett, aber das zwickende Headset kann kein vollwertiger Ersatz für persönliches Miteinander sein.
6. Monopolisierung von Distributionskanälen – Skynet übernimmt
Langfristig bedeutet das Durchdringen einer Praxis der digitalen Distribution nichts anderes als eine Monopolisierung der Märkte durch die Giganten der Branche. Chance für Indies hin, Chance für Indies her: Dass bestimmten Inhalten Platz eingeräumt wird, bedeutet lediglich, dass die Macht, ÜBERHAUPT Platz einzuräumen endgültig in einer Hand liegt. Praktisch bedeutet das unter anderem: Spiele, die bisher als Retail-Import zu beziehen waren, weil lediglich Schnitt-Ausschuss für erwachsene Spieler in Deutschland ankommt, bleiben den Spieler vorenthalten (oder nur umständlich durch Fake-Accounts zu bekommen), da die digitalen Kanäle einfach „zugesperrt“ werden.
Die dargestellten Gründe sollten jedem Spieler zu denken geben, wohin die Reise führt. Abseits von „Ein Tastendruck reicht, das Spiel kommt zu mir auf die Festplatte – das ist doch total praktisch“ gibt es eine Menge Ein- und Widersprüche, wobei die langfristige Entwicklung hin zur totalen Marktkontrolle durch digitale Distribution sicherlich am schwersten wiegt.