Boxen hat Stil, Glamour und Sex, ist Drama, das inspiriert und fasziniert. Im Film bilden Darstellungen von Boxerschicksalen ein eigenes Untergenre, wie es bei keinem anderen Sport möglich wäre - wer würde schon gerne Robert De Niro als tragischen 110 Meter-Hürdenläufer sehen? Stallone als alternden Diskuswerfer? Boxen ist olympisch, also nach landläufiger Übereinkunft eine Sportart, hat aber mit anderen Möglichkeiten der körperlichen Ertüchtigung nur wenig gemeinsam. Boxen ist nicht gesund: gebrochene Nasen, blaugeschlagene Augen und Gehirnerschütterungen gehören trotz Handschuhen zum Boxeralltag. Boxen bildet, anders als eine Mannschaftssportart, nicht unbedingt den Charakter, lehrt eher die Überwindung der eigenen Angst. Eltern dürften nur sorgenvoll auf den Wünsch des Nachwuchses reagieren, in den örtlichen Boxverein eintreten zu dürfen, denn noch immer tut sich dieser Sport schwer damit, seine Verwurzelung in anrüchigen Milieus abzustreifen, bildet die lokale Rotlichtszene die goldglänzende erste Reihe um den Ring herum. Doch die klassisch-archaische Ausgangssituation eines Kampfes funktioniert trotz allem seit Menschengedenken: zwei Gegner betreten den Ring mit dem Ziel, im Gegensatz zum anderen diesen auf den eigenen Beinen stehend wieder zu verlassen.

Trotz allem Reglements atmet Boxen noch heute eine nur marginal verhüllte Brutalität. In manchen Momenten wirkt Fight Night Round 4 eher wie ein Kampfspiel denn wie eine Sportsimulation. Doch trotz aller Effektheischerei in der Darstellung der Schlagwirkung bleibt das Spiel im Kern eine minutiöse Simulation, die versucht, basierend auf einer Vielzahl an Variablen, das Erlebnis eines Boxkampfes so wirklichkeitsgetreu wie irgend möglich nachzubilden.
...die brachiale Wucht und Kraft des Schlages...
Speziell die Dauer eines Kampfes dient der Steigerung der Intensität. Lucky Punches, die einen Kampf nach Sekunden in der ersten Runde beenden können, sind zwar möglich, aber äußerst selten. Häufiger entwickelt ein Kampf seine eigene Dynamik, wechselt das Momentum hin und her und fürchtet man in der letzten Runde die mögliche Niederlage weit mehr, als dies bei einem kürzeren Erlebnis der Fall sein könnte. Kämpfe über die volle Distanz, die nach Punkten gewonnen oder verloren werden, allmähliches Erholen von schweren Treffern und der Versuch, verlorene Runden wieder auszugleichen – dies sind die Zutaten, die aus Fight Night Round 4 einen Titel machen, der es vermag, die Aufmerksamkeit des Spielers zu fesseln wie kaum ein anderer auf dem Markt.
Der Realismus in Fight Night Round 4 macht aber das Spielerlebnis ausserhalb der Rings zum nicht immer ungetrübten Vergnügen. Der Karrieremodus, der naturgemäß den Kern allen Einzelspielerbemühens darstellen wird, leidet darunter, ähnlich mühselig zu sein wie die reale Kampfvorbereitung eines Boxers. Der Ablauf bleibt hier stets der gleiche: trainieren, kämpfen, trainieren, kämpfen und Sprosse für Sprosse die Karriereleiter erklimmen. Im Training können die Fähigkeiten der eigenen Figur allmählich aufgewertet werden, eine Handvoll Minispiele bringen Punkte, die die Schläge schneller, härter oder präziser machen oder die Beinarbeit verbessern. Anstrengend gestaltet sich das Training besonders deswegen, weil diese Minispiele unverhältnismäßig kompliziert und anspruchsvoll ausgefallen sind. Die Option, das Training vom Spiel selbst übernehmen zu lassen, erspart zwar das Absolvieren der ärgerlichen Einlagen, bringt aber auch weit weniger Punkte zur Statusaufbesserung ein.

Die Kämpfe überzeugen dann aber in allen Belangen. Zuerst fällt die optische Pracht ins Auge, die den schon beeindruckend aussehenden Vorgänger noch einmal zu übertreffen vermag. Die Sportler sehen großartig aus, unter der schweißtriefenden Haut bewegen sich fein modellierte Muskelstränge und die Darstellung eines harten Treffers verliert auch nach unzähligen Wiederholungen niemals an Eindrücklichkeit. Die Klangkulisse tritt in den Hintergrung, die Zeit verlangsamt sich und sobald die Faust auf Fleisch und Knochen trifft, mahlen sich die perfiden Soundeffekte tief in des Spielers’ Bewußtsein. Wenn der Mundschutz durch die brachiale Wucht und Kraft des Schlages zwischen den Zähnen hervorgetrieben wird, wenn der Schweiß vom Kopf des Getroffenen geschleudert wird, dann reißt der Spieler entweder triumphierend die Arme hoch oder verzieht mitfühlend das Gesicht.
...sobald die Faust auf Fleisch und Knochen trifft...
Fight Night Round 4 brilliert durch seine nachvollziehbare Körperlichkeit. Anders als in bekannten Spielen der Konkurrenz bleiben die Gliedmaßen der Kämpfer stets säuberlich voneinander getrennt, ein häßliches Wirrwarr aus Armen gibt es hier nicht. Die Präzision in der Schlagbewegung macht es möglich, dass auch halb in der Deckung des Gegenübers hängen gebliebene Schläge noch Schaden anrichten können. Mit eben diesen Schlägen sollte man aber vorsichtig umgehen und im Zweifel lieber die Deckung einem wilden Schwinger vorziehen. Mitentscheidend für die Wucht einer rechten Geraden ist nämlich nicht zuletzt die momentane Ausdauer des eigenen Boxers, die durch viele Schläge in kurzer Zeit rapide zur Neige geht. Ohne ein ausreichendes Kraftreservoir verpuffen aber auch beste Schlaggelegenheiten und der Gegner erhält die Gelegenheit, seinerseits zum verheerenden Haymaker anzusetzen.
Wer seine Deckung vernachlässigt und offen in einen Aufwärtshaken des Gegners läuft, findet sich schneller auf dem Ringboden wieder, als ihm lieb sein dürfte. Mittels gefühlvollem Ausbalancieren des Körperschwerpunkts kann ein noch kampffähiger Charakter wieder auf die Beine befördert werden, doch die künstliche Intelligenz des Gegenübers lauert in der Folge natürlich nur auf eine Chance, das Begonnene zu beenden. Dann wird auch unspektakuläres Umklammern des anderen Boxers zum legitimen Mittel, den K.O. hinauszuzögern.

Kluges, taktisch geprägtes Vorgehen ist der Schlüssel auf dem Weg zum erstrebten Range des „Greatest of All Times“. Eine dem Kampfverlauf wiederholt angepasste Strategie wird den Unterschied ausmachen zwischen einem Rummelschläger und einem Profi. Gerade auch online verblasst der Glanz des allzu hoffnungsfrohen Neulings schnell angesichts eines Gegners, der gelernt hat, die voll auf die Analogsticks ausgelegte Steuerung zu seinen Gunsten zu nutzen. Wie in jedem gelungenen Sportspiel entscheidet nicht das Glück über Erfolg und Misserfolg, sondern die durch viele Kämpfe angeeignete Routine - wer die Bewegungen seines Gegners lesen kann, wird Fight Night Round 4 zu lieben lernen. Aber nur durch Hartnäckigkeit und Fleiß erschließt sich dieses Spiel, trotz aufpeitschender Hip-Hop-Untermalung und selbst gestaltbaren Einmarschs des persönlichen Recken zum Ring bleibt Fight Night Round 4 eine ernsthafte, nach Leder und Schweiß riechende Boxsimulation.