Ein beliebtes Gedankenspiel ist die Frage nach der Superkraft, die man sich aussuchen würde, böte sich die Gelegenheit, frei zu wählen. Fliegen zu können erscheint vielen besonders reizvoll, die Erfüllung eines klassischen Menschheitstraums. Wie ein Vogel sich über die Niederungen des Lebens erheben können, sich schwerelos und frei bewegen. Verrät dieser Wunsch aber nicht gleichzeitig ein Eingeständnis, nicht mit dem eigenen Leben zurechtzukommen? Bedeutet der Wunsch, aus dem drögen Sein auszubrechen, eventuell eine heimliche Unsicherheit? Dann doch lieber etwas anderes... Unsichtbarkeit steht ebenfalls auf der Beliebtheitsskala weit oben. Unerkannt bei geheimen Treffen anwesend sein, Menschen gefahrlos beobachten zu können, sich in die Umkleidekabine der Mädchen einschleichen... Moment. Unsichtbarkeit als Wunsch des unterdrückten Voyeurs? Vielleicht ist die freie Wahl der eigenen Fähigkeit nicht das Richtige, offenbart zu viele private Sehnsüchte, die besser vor den Augen der Menschen verborgen bleiben sollten. Dementsprechend erhält der prototypische Superheld seine Kräfte auch im Zuge eines Unglücks oder von Geburt an und ist fürderhin gezwungen, sich mit seiner Bestimmung so gut als möglich zu arrangieren.

Cole MacGrath, ehemaliger Fahrradkurier, hat mehr Probleme als andere, sich an seine jüngst erworbene Superkraft zu gewöhnen. Seit einer desaströsen Explosion, in deren Epizentrum sich Cole befand und die alle anderen Stadtbewohner in seiner Nähe das Leben gekostet hat, besitzt Cole die Gabe, Elektrizität seinem Willen zu unterwerfen. Er kann Blitze auf Gegner schleudern, Energiekugeln werfen und sich an frei zugänglichen Stromquellen neu aufladen. Doch wirklich euphorisch stimmt den ehemaligen Müßiggänger die neu erlangte Kraft nicht, zu kompliziert entwickelt sich sein Leben seit dem großen Knall. Cole sitzt zwischen zu vielen Stühlen, soll zu vielen Interessen dienlich sein und muss nebenbei noch dauernd aufpassen, nicht gleichzeitig mit einem Zivilisten in einer tiefen Pfütze zu stehen.
...wirklich euphorisch stimmt den ehemaligen Müßiggänger die neu erlangte Kraft nicht...
inFAMOUS hat mehr zu bieten als eine leicht exzentrische Schreibweise. Ähnlich dem hierzulande nicht erschienenen Crackdown stellt die im Spiel dargestellte Stadt die Spielwiese des mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Helden dar. Cole kann nicht nur Glühbirnen zum Leuchten bringen, auch Sprünge aus beliebigen Höhen stellen für ihn kein wirkliches Problem dar. Häuserwände erklimmt er beinahe mühelos und im Kampf gegen die allgegenwärtigen Reaper, im Zuge der Explosion mutierte Bösewichter, vertraut er neben der Elektrizität auf schlagkräftige Nahkampfattacken.
Die Reaper können sich im Spiel zu einer echten Plage entwickeln, agieren sie doch vergleichsweise intelligent, verstecken sich und beschießen Cole schimpfenderweise mit allem, was ihnen in die Hände gelangt. Von der Pistole über den Raketenwerfer bis zum asphaltspaltenden Energiestoß: die Reaper stellen eine echte Gefahr dar, besonders deswegen, weil Cole zwar Sprünge aus extremen Höhen locker wegstecken kann, aber äußerst empfindlich auf Kugeln reagiert. Die einzige Chance, Momente der Ruhe in der halbverwüsteten Stadt zu genießen, besteht darin, durch Annahme und erfolgreiche Ausführung von Nebenmissionen einen Teil des Stadtgebiets dauerhaft zu befrieden.

Bietet sich die Gelegenheit zur ruhigen Reflektion, so lohnt das Erklimmen höchster Ebenen und der darauffolgende kontemplative Blick über die gebeutelte Metropole. Die angemessen detailliert gestaltete Welt von inFAMOUS bietet aus der Vogelperspektive einen atemberaubenden Anblick, der noch dadurch an Reiz hinzugewinnt, dass so gut wie jeder Punkt der Welt durch den Protagonisten zu erreichen ist. Cole ist ein talentierter Akrobat, der elegant auf Stromleitungen gleitend von Dach zu Dach gelangt, mit wenigen Sprüngen Hindernisse unter und hinter sich zurücklässt und dementsprechend zu Fuß schneller von A nach B kommt, als es ihm in einem Fahrzeug jemals möglich wäre. Als passionierter Radfahrer setzt sich der Held von inFAMOUS nie hinters Steuer.
...losgelöst von den Gesetzen der Physik...
inFAMOUS funktioniert immer dann hervorragend, wenn Cole losgelöst von den Gesetzen der Physik über die Dächer der Stadt eilt. Weniger gelungen, trotz der gerade dann besonders schönen Lichteffekte, präsentieren sich die Abschnitte unter der Oberfläche. Lineare Sprungpassagen wollen in relativer Dunkelheit absolviert werden, was mit dem Grundcharakter des Spiels nicht unbedingt harmoniert. Cole ist durch seine Fähigkeiten derart aus der Masse der gewöhnlichen, stetig klagenden Menschen herausgehoben, dass die Position über den Köpfen der Durchschnittsgestalten besser zu seiner Rolle passt. Als Sprungwunder der Kanalisation büßt Cole an Faszination empfindlich ein.
Neben der relativ linearen Abfolge an storyrelevanten Missionen und optional wählbaren Aufgaben punktet inFAMOUS besonders durch die Möglichkeit, Bruchstücke und Audiodokumente sammelnd durch die Stadt zu streifen. Die verstreuten Explosionsscherben leuchten in sanftem Blau, die in Satellitenschüsseln versteckten Tonbänder geben ein akustisches Signal. Komplettisten freuen sich an der Aufgabe, alle versteckten Gegenstände einzusammeln, was durch die elegante Bewegung der Spielfigur zu einem zugleich entspannten aber auch schön anzuschauenden Zeitvertreib wird.

Die Befriedung der Stadt ist für unseren Fahrradkurier nicht nur eine körperlich anstrengende Tätigkeit, da die leider recht generisch designten Gegnerscharen schnell zum Ärgernis werden können, sondern auch eine Probe seiner moralischen Grundausrichtung. An verschiedenen Stellen des Spiels steht Cole vor der Wahl zwischen dem allgemeinen und dem eigenen Wohl. Entscheidet sich Cole altruistisch, muss er mit Schmerzen und Mühsal rechnen, wird dann aber vom Volk geliebt und begeistert beklatscht werden. Denkt der Held in erster Linie an sich selbst, so kann er nicht mit öffentlicher Bestätigung rechnen und entwickelt sich auch optisch zum elektrifizierten Tunichtgut: rote statt blaue Blitze verschleudert Cole dann und sogar sein Repertoire an Fähigkeiten wird ein anderes sein.
...lohnt das Erklimmen höchster Ebenen...
inFAMOUS ist nicht perfekt. Die Technik kann nicht mit den allerbesten Titeln mithalten, macht dies aber in Teilen durch die gelungene Darstellung einer räumlichen Weite wieder wett, die zum Erforschen geradezu einlädt. Die Story ist gut erzählt, gerade die Zwischensequenzen im Comic-Stil wissen zu gefallen, bleibt aber sicher nach Beenden der Hauptgeschichte nicht für lange im Kopf des Spielers verhaftet. Aber das Paket aus Bewegungsfreiheit, gekitzeltem Sammeltrieb und befriedigender Kampfdarstellung schafft eine motivierende Mixtur, die etwas schafft, das nur wenige Videospiele vermögen: eine Verbindung aus Spiel- und realer Welt - wenn man die Konsole ausschaltet, aus dem Fenster auf das Nachbarhaus schaut und für einen kurzen Moment seine Chancen überschlägt, die Fassade mit nur einem Sprung zu überwinden.