Niemand möchte Vin Diesel auf einer Flasche Salatdressing sehen. Dabei kann das passende Antlitz eines Stars auch dort durchaus verkaufsfördernd wirken, wie am Beispiel Paul Newmans zu sehen ist. Es ist nicht ungewöhnlich, das Hollywoods Größen ihr größtes Kapital, ihr Aussehen, gewinnbringend einsetzen. Bruce Willis mag deutsches Bier, George Clooney Kaffee und im japanischen Fernsehen räkelt sich Natalie Portman halbnackt für einen Seifenhersteller. Vin Diesel stehen diese Möglichkeiten nicht zur Verfügung: weniger bekannt als Willis, weniger schön als Clooney und halbnackt räkelnd... nein, daran möchte man nicht denken. Doch ein in Actionfilmen erprobtes Gesicht wie Diesels kann trotzdem im richtigen Kontext auch abseits der Leinwand eingesetzt werden, wie eine Handvoll Videospiele beweisen, die sich des Schauspielers tiefe Stimme und markante Gesichtszüge ausleihen, um ihren Protagonisten einen Hauch Glamour zu verleihen.

Vor fünf Jahren wurde dies erstmals erprobt. In The Chronicles of Riddick: Escape from Butcher Bay trat Diesel als Riddick in Erscheinung, Einzelgänger und gesuchter Verbrecher. Ursprünglich für das Kino erdacht, schaffte der klassische Antiheld mühelos den Sprung ins Videospiel. Ohne seine Hauptfigur viele Worte machen zu lassen erzählte das Spiel vom Überlebenskampf eines Aussenseiters in einer ihm feindlich gesonnenen Welt. Dabei begeisterte vor allem die bisher in Videospielen aus der Egoperspektive beispiellose Körperlichkeit der Hauptfigur: gut sichtbar waren Arme und Beine Riddicks, was gerade in den häufigen Kämpfen Mann gegen Mann bis dato ungekannte Immersion garantierte. Im Nahkampf mit angespitzem Schraubenzieher und anderen humorlosen, aber praktischen Waffen erwiesen sich die Feinde als unangenehme Gegner, die auswichen, überraschende Attacken starteten und bis zur finalen, blutigen Tötungsanimation mehr als würdige Kontrahenten darstellten. Die Verbindung aus schwitzigem Nahkampf und dröhnender Ballerei mit schwersten Waffen wurde von Kritikerseite viel gepriesen und geriet, wenn schon nicht als Film- dann als Vin Diesel-Umsetzung, zu einem der wichtigsten Spiele der ersten XBox.
...der Funke mag nicht mehr wie im Original überspringen...
Auch denjenigen, die sich niemals eine Kinokarte für einen Vin Diesel-Film kaufen würden, fiel die Identifikation mit dem lakonischen Glatzkopf folglich nicht schwer, war das Spiel doch technisch seiner Zeit voraus und schaffte es auch inhaltlich immer wieder aufs Neue, zu überraschen und mit virtuosen Tempowechseln die Spannung hochzuhalten. Abgerundet durch zynische Einzeiler Riddicks konnte auch die Story den qualitativen Anschluss an die Filme ohne Probleme meistern.
Ähnlich hartnäckig und zäh wie sein Held zeigt sich nun auch das ihm gewidmete Videospiel, denn anstatt als Beispiel guten Gamedesigns in den Schränken der Sammler zu verbleiben, erfreut sich Butcher Bay einer hochaufgelösten Neuauflage. Zusammen mit einer Fortführung des Grundthemas mit dem Titel Assault on Dark Athena erscheint Riddicks erstes Spiel ein weiteres Mal. Angepasst an die Möglichkeiten aktueller Hardware, im Umfang erweitert durch die Abenteuer nach der Zeit in Butcher Bay, versucht der schweigsame Held alte und neue Anhänger zu gewinnen.
Dies gelingt ihm leider nur in Ansätzen. Fünf Jahre sind für ein Videospiel eine lange Zeit und was damals frisch und aufregend war, zeigt nun Abnutzungserscheinungen und schartige Kanten. Riddicks Streben nach Freiheit, nach Entfliehen aus der menschenverachtenden Welt des Hochsicherheitsgefängnisses Butcher Bay, ist noch immer mitreißend inszeniert, aber der Funke mag nicht mehr wie beim ersten Aufenthalt hinter Gittern überspringen. Zu frustig und widerspenstig zeigen sich einige Passagen, die den Schwierigkeitsgrad unvermittelt in schwindelerregende Höhen ansteigen lassen. Zu altbacken die Optik, die trotz Restauration nicht mit aktuellen Titeln mithalten kann. Stimmig bleibt der Look des Spiels trotz allem, besonders die verstörend realistische Mimik der nur selten liebenswerten Charaktere überzeugt noch immer, doch ohne die häufig verschwommene Sicht Riddicks würden die Mängel noch offenkundiger zu Tage treten.

Zu schwach schlußendlich ist das Anhängsel, ist Assault on Dark Athena, das keinen Nachfolger darstellt, sondern eher als halbherzige Erweiterung des Hauptspiels gesehen werden muss. Den Mauern Butcher Bays glücklich entronnen, findet sich Riddick alsbald an Bord eines Raumschiffes wieder, das in Sachen Ruppigkeit und Grausamkeit dem Gefängnis nicht nachsteht. Veteranen des Hauptspiels werden die spielerische Abkehr von Stealthpassagen hin zum eindeutigen Fokus auf mit Waffengewalt zu lösenden Konflikten beklagen. Die Butcher Bay prägende Balance aus mit treibender Musik unterlegter Ballerei und mit Unschärfefiltern verfremdeten Schleicheinlagen wird in Dark Athena nicht weiter gehalten, was aus den Stunden auf dem Söldnerschiff zwar keine Qual, aber doch eine weniger inspirierte Übung macht.
...dann schüttelt sich auch der Spieler, als hätte er in etwas Kaltes, Schmutziges gegriffen...
Unverständlich die Entscheidung, weniger auf stockdunkle und bedrückende Settings in dreckig-futuristischem Industrialdesign zu setzen, sondern austauschbare, helle Räume zu bevorzugen, in denen Riddick seine größte Stärke, die Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen, kaum noch ausspielen kann. Die noch immer latent unpräzise Steuerung in Kombination mit der schon beinahe übernatürlichen Aufmerksamkeit der Wachen, die Riddick meist sofort entdecken, wagt er auch nur einen winzigen Schritt aus dem Dunkel, sorgt dafür, dass der ärgerliche Bildschirmtod keine Ausnahme bleibt. Ärgerlich deswegen, weil eigenes Fehlverhalten nur in Ausnahmefällen zum Exitus geführt hat – meist stirbt Riddick schlicht aufgrund aufkommender Hektik im Gefecht mit zielsicheren Opponenten.
Doch in Teilen zeigt sich Dark Athena auch verbessert. Die größte Stärke des ursprünglichen Butcher Bay, die gekonnte Präsentation seiner Figuren, wird hier weiter verfeinert. Wenn einer der selbst für das Riddick-Universum abstoßenderen Charaktere in schwelgerischen Details seine perversen Phantasien beschreibt, so schaudert es nicht nur den Stoiker mit den dunklen Gläsern, dann schüttelt sich auch der Spieler, als hätte er in etwas Kaltes, Schmutziges gegriffen. Zusammen mit der schon beim gealterten Original vielgerühmten, höchst professionellen Synchronisation erwachen in diesem Spiel die Figuren zu verstörend-realistischem Leben.

Assault on Dark Athena ist ein gewichtiges Stück Spiel. Für lange Zeit unterhält der Titel auf hohem Niveau, auch wenn die Sensation, das Originelle, im Laufe der Jahre abhanden gekommen ist. Vin Diesel wird nachgesagt, er selbst sei ein passionierter Videospieler. Ob er, sollte er sich im Spiel steuern, damit eine quasi auto-erotische Handlung vollzieht, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass er eindeutig schlechtere Spiele als Assault on Dark Athena wählen könnte.