Auch wenn in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise die Möglichkeit, sich gegebenfalls selbst mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann: der traditionsreiche Berufsstand des Landwirts hat schon bessere Zeiten erlebt. Im Fernsehen gibt man den tumben frauensuchenden Schweinezüchter, für den Körperpflege ein Fremdwort bleibt und der sich auch mit Anfang vierzig noch von Muttern die Unterhosen waschen lässt. Für die Milch gibt es immer weniger Euros und „Stallgeruch“ ist nur noch in eng begrenzten Zusammenhängen ein positiv besetzter Begriff. 
Da ist es doch die viel verlockendere Alternative, eingeschworenes Stadtkind zu bleiben und sich der Welt der Landwirtschaft nicht weiter anzunähern als mit Harvest Moon: Mein Inselparadies. Behaglich zurückgelehnt auf der heimischen Couch lässt sich die harsche Realität der Viezucht sicher eher genießen und früh aus den Federn muss der virtuelle Bauer auch nicht unbedingt. Doch schon nach Minuten stellt man mit Erschütterung fest, dass Feldarbeit unter sengender Sonne selbst per Stylus furchtbar anstrengend und weit davon entfernt ist, zu einem hypnotisch-beruhigenden Zeitvertreib zu werden.
Dabei war die Harvest Moon-Reihe bislang für genau solche Effekte bekannt und beliebt: der Spieler kümmert sich via feinstem Mikromanagement um Feld und Vieh, scheffelt langsam aber unaufhaltsam Geld und reinvestiert die Erträge in den Betrieb: mehr Vieh, besseres Werkzeug, schönerer Hof. Das bewährte Spielprinzip gewann dabei niemals Innovationspreise, glänzte nicht mit atemberaubender Optik und hatte auch immer gerade mal soviel Story zu bieten, dass ein völliges Fehlen einer solchen vermieden wurde. Trotzdem entwickelte sich im Spielverlauf ein monströser Suchtfaktor, der den geneigten Spieler nicht mehr vom Pad entließ. Nur noch wenig Mühe, dann wäre die nächste Entwicklungsstufe erreicht, die nächste Kuh erschwinglich, die bessere Harke Teil des eigenen Wekzeugschuppens. Unterstützt durch einen brutalen Niedlichkeitsgrad sammelten die Harvest Moon-Spiele auf dieser Basis eine treue Fangemeinde.
...regiert im Inselparadies der Frust...
Doch warum will sich der berüchtigte Bewußtseinszustand irgendwo zwischen Träumen mit offenen Augen und Streben nach minimalen Upgrades diesmal einfach nicht einstellen? Warum regiert im Inselparadies der Frust und möchte man am liebsten seine Erzeugnisse direkt in die Kanalisation kippen? Fakt ist: Harvest Moon: Mein Inselparadies krankt an einer dem Spiel aufgezwungenen Stylussteuerung, die sich anfühlt, als müsse man an einem bitterkalten Wintermorgen noch im Dunklen mit einem rostigen Pflug den tiefgefrorenen Boden lockern. Mühsam und unpräzise gestaltet sich das Tagwerk: wenn auch beim dritten Versuch nicht die richtige Stelle des Feldes bewässert werden konnte, wenn schon wieder nicht das gewollte Werkzeug ausgewählt wurde, wenn die zu steuernde Figur dann schon wieder erschöpft um Ruhe bettelt, dann möchte man trotz aller Gewaltlosigkeit in der Welt Harvest Moons nichts lieber, als axtschwingend die Insel und alle Bewohner strafen.
Nicht nur die verkorkste Steuerung, die anders als im Vorgänger Harvest Moon DS eine Tastensteuerung nicht erlaubt, sondern auch die ausgeprägte Ruhebedürfigkeit der Spielfigur zehrt schnell an den Nerven: in den ersten Spielstunden reichen schon wenige Handgriffe, um den kleinen Racker ermattet vom gemütlichen Bett träumen zu lassen. Schert man sich wenig um die Mimosenhaftigkeit des Faulenzers, so fällt er trotzig in Ohnmacht und erwacht in den eigenen vier Wänden. Da hilft es auch nichts, dass dem Spieler zu Beginn die Wahl gelassen wird, ob er lieber als Mädchen oder Junge das karge Land bewirtschaften will: schnell müde werden beide.
Nach einem Schiffsunglück gestrandet auf einer unbewohnten Insel entscheidet sich der eigene Charakter zusammen mit den anderen Überlebenden dafür, das Beste aus der unerquicklichen Situation zu machen. Anstatt sich also primär um die eigene Rettung zu bemühen und beispielsweise ein Floß zu zimmern, stürzen sich die Figuren munter in ihre Version eines selbstverwalteten landwirtschaftlichen Betriebs. Die nagende Grundsatzfrage, an wen die Erzeugnisse auf einer einsamen Insel verkauft werden sollen, bleibt leider im Spielverlauf unbeantwortet.
Nach sehr mühsamem Beginn floriert das Unternehmen im Laufe der Zeit serientypisch mehr und mehr: stetig wächst die erforschbare Fläche der Insel, immer enger werden die sozialen Bande zu den anderen Inselbewohnern. Als Langzeitprojekt und willkommene Ablenkung präsentiert sich abseits des gewollt stupiden Alltags die Suche nach dem Partner für´s Leben. Stetes Werben führt irgendwann zu amourösen Erfolgen des goldig animierten Schwerarbeiters und folgerichtig auch zu Nachwuchs. Dass die eigene Figur über den kompletten Spielverlauf zumindest optisch nicht altert und demnach in einem seltsam alterslosen, jedoch eindeutig präpubertären Entwicklungsstand verharrt, verleiht der Familiengründung und speziell der Familienvergrößerung einen ganz eigenen, gänsehauterzeugenden Charme.
Trotz aller Kratzer im Lack: das zugrundeliegende Spielprinzip hilft über viele, wenn auch nicht alle Frustmomente hinweg. Irgendwann stellt sich sogar ein schwacher Abglanz der eigentlich von Beginn an erwarteten Suchtgefährdung ein, doch unterm Strich bleibt Harvest Moon: Mein Inselparadies mehr Arbeit als Vergnügen und deswegen ein schwarzes Schaf in der ansonsten strahlend weißen Herde der Harvest Moon-Spiele.