Ursprünglich mal als cleveres Marketing-Vehikel konzipiert, um dem schwergewichtigen Klempner der Konkurrenz die Stirn zu bieten und ganz nebenbei die Scrolling-Fähigkeiten der eigenen Konsolenhardware zu unterstreichen, hat die Gier nach immer neuen Höchstgeschwindigkeiten eine folgenreiche Eigendynamik entwickelt und hängt nun Damoklesschwert gleich über jeder Gameplay Entscheidung.

Steht dann mal wieder ein neuer Sonic Titel in den Händlerregalen, darf man mit ziemlicher Sicherheit erwarten, irgendwo auf der Box mit dem Versprechen des „schnellsten Sonic aller Zeiten“ umgarnt zu werden. Es überrascht dann jedoch ein wenig, dass offenbar selbst die gesamte Entwicklerriege des Sonic Teams dieser plakativen Marketingidee verfallen zu sein scheint und vollkommen unreflektiert mit jeder neuen Iteration die Geschwindigkeit des blauen Igels höher und höher geschraubt wird. Denn wirft man einen genaueren Blick auf die Qualitäten der zugrunde liegenden Spielmechanik, die seiner Zeit den guten Ruf der Franchise maßgeblich mit begründet haben, zeichnet sich nämlich ein ganz anderes Bild ab: Geschwindigkeit ist hier erstrebenswerte Zielvorgabe, eine nicht kontinuierlich erreichbare Belohnung und dadurch mehr als nur eine beiläufige und jeder Zeit vorhandene Gegebenheit der Spielwelt.
Durchdachtes Gamedesign sieht sicherlich anders aus
Das rauschhafte Erlebnis von Geschwindigkeit ist dabei weniger das Resultat einer intrinsischen Schnelligkeit der Spielfigur, als vielmehr einer fein aufeinander abgestimmten Balance aus fühlbar gemachter Physik und intelligentem Leveldesign zu verdanken. Im Herzen nämlich primär ein Plattformer, wird der mühsam mitgenommene Schwung durch geschickt platzierte Sprungpassagen, Stolperfallen oder träge Wasserabschnitte immer wieder konsequent abgebremst. Erst genaue Kenntnis über den Aufbau eines Abschnitts ermöglicht dann das Erreichen und Aufrechterhalten einer dauerhaften Höchstgeschwindigkeit, welche unter dem Stichwort „flow“ so häufig in Verbindung mit der Sonic Serie genannt worden ist. Kopfüber durch einen Looping oder eine Steilwand empor rasen zu können, wirkt nun mal erst dadurch richtig befriedigend, den zur Überwindung der Schwerkraft notwendigen Schwung zuvor eigenhändig aufgebaut zu haben.
In der Welt von Sonic Unleashed spielt dies hingegen keine entscheidende Rolle mehr. Sonic lässt jegliche physikalische Präsenz in der Spielwelt vermissen und fliegt gewichtslos wie ein Flummi durch die Gegend. Niemals hat man dabei den Eindruck wirklich direkte Kontrolle über den Spielverlauf zu haben. Aber auch jegliches Gefühl für Beschleunigung und Momentum geht dadurch verloren und wird auf ein beinahe binäres System reduziert. Entweder entlockt man dem überempfindlichen Analogstick nur grobmotorische Ausfallschritte eines ungeduldigen Tangotänzers. Oder Sonic schießt gleich in Sekundenbruchteilen hoch auf eine solche Geschwindigkeit, dass selbst das Einsammeln von Goldringen – eigentlich eine entspannende Nebentätigkeit von blauen Igeln - zur nervenaufreibenden Geduldprobe mutiert. Überhaupt scheinen die Entwickler als einzige Antwort auf die Designprobleme, die sich durch solch eine hohe Geschwindigkeiten aufdrängen, darin gesehen zu haben, dem Spieler möglichst häufig den unmittelbaren Einfluss auf das Geschehen zu entziehen. Nicht nur spielen sich viele Passagen wie auf Schienen, nein, über weite Strecken schießt der Spieler auch tatsächlich über eben solche Schienen, auf denen sich Sonic quasi von alleine immer weiter fortbewegt! Der Handlungsspielraum beschränkt sich in diesen Fällen dann meist auf stumpfes Betrachten der gebotenen Grafikpracht, um sich schließlich dann und wann per Sprungknopf vor dem plötzlichen Fall in die Leere auf eine benachbarte Schiene retten zu dürfen. Übertreffen lässt sich dieser „Überschuss“ an Interaktivität dann nur noch durch die mit ’Quicktime-Events’ garnierten Endgegnerkämpfe. Will es nämlich nicht gelingen, die unvermittelt auf dem Bildschirm auftauchenden Tastenkombinationen im knapp bemessenen Zeitfenster korrekt einzugeben, freut sich der Scherge über eine teilweise Regenerierung der Lebensenergie und macht so den erspielten Fortschritt zunichte.

Von Kollegen befragt, aus welchem Grund Sonic in den letzten Jahren mit schöner Regelmäßigkeit neue Spielfiguren zur Seite gestellt bekommen hat, welche im Spielprinzip teilweise grundlegend vom klassischen Ablauf abweichen, treten die hässlichen Folgen des angeeigneten Geschwindigkeitswahn dann abermals zu Tage. Laut Sonic Team ist Sonic anno 2008 nämlich so flink unterwegs, dass die eigentlichen Hauptlevels viel zu schnell am Spieler vorbeifliegen und die Spieldauer drastisch verkürzen würden. Um also fehlende Ressourcen auszugleichen und nicht zusätzliche Spielabschnitte anlegen zu müssen, wird in Konsequenz lieber die Handbremse gezogen und durch sich langsam spielende Passagen das Spiel künstlich gestreckt. Getreu dieser Formel verwandelt sich Sonic in Sonic Unleashed dann auch bei Einbruch der Dunkelheit in eine behäbig agierende Werwolf-Igel-Kreatur, die sich, seiner Schnelligkeit beraubt und um elastische Arme reicher, durch Scharen der immer gleichen Gegner prügeln muss. Zwar wird das Repertoire an Kampfmoves im späteren Spielverlauf kontinuierlich durch neue Kombos erweitertet, dabei bleibt monotones Hämmern auf die Knöpfe, dank der immer leicht verzögert wirkenden Steuerung, aber doch zu jeder Zeit die dominierende Strategie. Dass dann jeder noch so kleiner Vorsprung nur durch Rückgreifen auf einen Doppelsprung zu meistern ist, unterstreicht nur zusätzlich, wie unvereinbar in diesen Abschnitten der Wunsch nach unterhaltsamen Leveldesign doch mit den Zugeständnissen an den eingeschlagenen Weg der immer höheren Grundgeschwindigkeit wirklich ist. Die kurz aufkeimende Hoffnung, diese Nachtpassagen vielleicht doch durch die frei festlegbare Tageszeit umgehen zu können, wird jedoch schnell durch die Erkenntnis abgelöst, dass sie für das Fortschreiten der Geschichte zwingend erforderlich sind.

Auch sonst strotzt Sonic Unleashed nur so vor unsauberen Spielelementen und einer hohen Dichte an Frustmomenten. So kann es durchaus vorkommen, durch die spärlich eingesetzten Rücksetzpunkte, einen bestimmten Abschnitt unzählige Male erneut ganz von Vorne angehen zu müssen, nur um dann an gleicher Stelle in einen unüberwindbaren Abgrund zu stürzen. Das der Spieler das Level vielleicht noch gar nicht hätte betreten dürfen, weil eine notwendige Fähigkeit zu diesem Zeitpunkt noch fehlt, um wohlbehalten seinen Fuß auf die andere Seite des Abgrundes setzen und das Level abschließen zu können, verschweigt das Spiel dann gerne. Auch die begehbare Oberwelt, mit seinen zahlreichen Ladebildschirmen und mitteilungsbedürftigen Bewohnern, hilft nicht wirklich dabei, sich in der Welt von Sonic Unleashed orientieren zu können. Oftmals irrt man auf der Suche nach dem nächsten Spielabschnitt ziellos umher oder liest sich, in der Hoffnung vielleicht doch einen gütigen Hinweis über den nächsten Wegpunkt zu erhalten, die immer gleichen Kommentare der Anwohner durch. Glaubt man aber jedoch, in den aufgebrachten Unheilverkündenden einen Hinweis erhascht zu haben, sich endlich wieder ins eigentliche Spiel stürzen zu dürfen, kann es dann durchaus vorkommen, anstelle der angekündigten Bösewichter nur eine idyllische Landschaftszenerie vorzufinden. Durchdachtes Gamedesign sieht sicherlich anders aus.
Man kann sagen was man will, aber Sonic hat die Blütezeit wohl endgültig hinter sich. Oder gibt es dazu andere Meinungen? Es darf diskutiert werden.