Die konzeptuelle Ausrichtung von Rares erstem Viva Piñata macht es sich selbst schwer, sein eigenes Publikum zu finden. Eingehüllt in eine bunte, mit seinen Primärfarben scheinbar vollständig aus einem Wasserfarbkasten entsprungenen, Verpackung und begleitet von einer gleichnamigen Zeichentrickserie, mag ein flüchtiger Blick zunächst auf ein Stück kindgerechte Unterhaltung hindeuten. Hinter der zuckersüße Fassade offenbart sich jedoch schnell eine überraschend komplexe Aufzucht- und Managementsimulation, die mit der Vielzahl an zu beachtenden Variablen und Gestaltungsmöglichkeiten in erwachseneren Spielerhänden deutlich besser aufgehoben ist. Zunächst nur ausgestattet mit Sparten, Gießkanne, einigen Pflanzensamen und der wagen Vorgabe, möglichst viele verschiedene Piñata Variationen anzulocken, entpuppt sich die eigentliche Gestaltung der Gartenlandschaft als zentrale Aufgabe. Da Anlocken und Aufzucht neuer Pinatas lediglich indirekt, durch die Einflussnahme auf die vorherrschenden Umweltbedingungen im Garten möglich ist, sieht man sich zunehmend mit den konkurrierenden Anforderungen der jeweiligen Kreaturen jonglieren. Und spätestens wenn zum ersten Mal sich der fuchsartige Petztail Piñata über die sonst so lebendigen Sparrowmint Vögel hermacht und die ausgeklügelte Simulation einer Nahrungskette unverhofft zu Tage tritt, entpuppte sich der erste Besuch auf Pinata Island als überambitioniertes Projekt.

Obwohl der kommerzielle Erfolg beim Erstlingswerks ausgeblieben ist, greift Entwicklerstudio Rare nun mit Viva Piñata: Chaos im Paradies erneut zu den Gartenwerkzeugen. Mit klareren Strukturen und einem vereinfachten Steuerungskonzept ausgestattet, verspricht der inoffizielle zweite Teil der Serie mehr als nur zusätzliche Piñata, Pflanzen oder einen größeren Garten: Vielmehr soll endlich eben jene Zugänglichkeit für Einsteiger und jüngere Spieler erreicht werden, welche die bunte Hülle unterschwellig so erfolgreich suggeriert.
Zusammen mit Freunden entwickelt sich eine fast kathartische Eigendynamik
Die neue Zielvorgabe wird bereits in den ersten Spielminuten offensichtlich. Anstatt gleich ins kalte Wasser geworfen und vor einen leeren Garten gesetzt zu werden, bekommt der Spieler nun gleich zu Beginn einen funktionierenden, wenn auch kleinen, Garten bereit gestellt. Quasi als Vorlage für einen erfolgreichen Garten fungierend, erlaubt das einfache Beobachten oder Verändern des Geschehens auf dem Bildschirm einen deutlich intuitiveren Einstieg und Lernerfolg, als einfache Texttafeln im ersten Teil es je ermöglichen konnten. Ein optionales Tutorial nimmt den Spieler zusätzlich an die Hand und erklärt, in kleinen Häppchen, die wichtigsten Spielelemente, in dem direkt im eigentlichen Garten Hilfsmarkierungen durch die einzelnen Schritte führen. Auch die, zunächst etwas aufgesetzt wirkende, Rahmenhandlung, eines bösen Gegenspielers, der die streng geheime Datenbank aller bekannten Piñata Kreaturen gelöscht hat, dient schließlich auch nur dem Zweck der gesteigerten Einsteigerfreundlichkeit. Allein durch die visuelle Präsens eines Widersachers, erhält das Spiel eine zielgerichtetere Ausrichtung und hilft, die Handlungen des Spielers (die Wiederbeschaffung aller Piñata Informationen) in einen größeren Kontext einzubetten.
Abseits des eigentlichen Haupspiels ist außerdem der der so genannte "Nur aus Spaß" Modus neu hinzugekommen und man hat sich dabei ganz offensichtlich von den bekannten Gott-Modus Cheats inspirieren lassen, die sich bei Anhängern von Aufbaustrategiespielen so großer Beliebtheit erfreuen. Ohne sich Gedanken um verfügbare Ressourcen oder Streitigkeiten unter den Pinatas machen zu müssen, legt dieser Modus den Fokus mehr auf entspanntes Ausprobieren und Gestalten des Gartens. Da alle Gartenutensilien, Pflanzen oder Pinatas frei verfügbar sind, kann nun endlich genügend Zeit darauf verbracht werden, seinen gut versteckten Trieb als Kleingärtner auszuleben. Lädt man sich zur Verstärkung und Mitgestaltung am eigenen Kleinod noch einen Freund an die Konsole ein (über Xbox Live ist dies sogar zu viert möglich), entwickelt Viva Piñata: Chaos im Paradies eine, fast kathartisch von dem Problemen der Alltagswelt ablenkende, Eigendynamik. Ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem es vordergründig mehr um das nette Gespräch mit Freunden oder Familie, als die generalstabsmäßige Planung einer Grünfläche geht.

Dies wird weiterhin begünstigt durch ein, in allen Belangen deutlich aufgeräumteres Steuerungskonzept. Verlor man in hektischen Situationen bisweilen leicht die Übersicht, ermöglichen es die rechten und linken Trigger am Controller nun, sich ohne große Suchorgien, ganz wie bei einer TV Fernbedienung durch alle Piñata, Gegenstände oder wichtigen Geschehnisse im Garten durchzuschalten. Auch die Benutzeroberfläche und Menüführung zeigt sich dankbar darüber, den Cursor nun endlich auch außerhalb der Grenzen des eigenen Gartens bewegen zu können. Somit konnten, im Verlauf eines typischen Spiels weniger häufig benötige Menüpunkte, wie etwa die Piñata Versandkiste oder der Weg zu den neuen Wüsten- und Antarktisaußenbezirken, in Form von physisch greifbaren Objekten wie Schildern oder einer Kiste, direkt mit in die eigentliche Spielwelt integriert werden. Eine elegante Methode, überquellende Menüs um Einträge zu erleichtern, ohne dabei auf Funktionen verzichten zu müssen, die sich andere Entwickler gerne abschauen dürfen.
Bis heute ist es mir gänzlich unverständlich wieso Viva Pinata nicht der erhoffte Erfolg geworden ist, trotz der hohen Qualität.Als Xbox Besitzer sehe ich das ähnlich wie der Autor.Besonders wenn man einfach mal die Nase voll hat von Ego Shootern, ist Viva Pinata eine lohnenswerte Erfahrung.